Es gibt zwei Damien Hirsts oder, genauer gesagt, sogar drei. Der eine ist ein epochemachender Popkünstler wie Andy Warhol und ein Markenname wie Coca-Cola. Eines seiner Markenzeichen sind eingelegte Tierkadaver, Haie oder Schafe, die für viele Millionen Dollar gehandelt werden. Manchmal malt er auch nur kunterbunte Punkte auf monochromem Hintergrund, die zieren dann Londoner Themsefähren, einmal flogen sie im Raumschiff Beagle 2 zum Mars. Das Lieblingswort von Damien Hirst ist fucking in allen Schattierungen seiner Bedeutung. Dem Guardian erklärte er gerade: »Im Grunde sind Bilder nur dazu da, irgendwelche Scheißräume aufzuhellen.« »Der Zorn Gottes« heißt dieser Hai, eingelegt in Formaldehyd – und vermutlich meint Damien Hirst, der dahinter posiert, damit auch sich selbst. BILD

Auf den zweiten Hirst kommen wir später zu sprechen. Zunächst soll vom dritten Hirst die Rede sein. Vorigen Freitag begann in der Londoner Serpentine Gallery eine Ausstellung mit über drei Dutzend Werken aus seiner Privatsammlung, Bilder, Skulpturen und Installationen der prominentesten britischen und amerikanischen Gegenwartskünstler – und kein Hirst darunter. Der Künstler tritt als Sammler, Mäzen und Kurator in Erscheinung.

Das heißt, er erscheint nicht. Zur Vernissage sind alle da, nur er nicht. Marcus Harvey ist gekommen, der 1997 in der Royal Academy mit einem liebevoll anmutenden Porträt der Kindermörderin Myra Hindley die Boulevardpresse in Rage brachte. Tracey Emin, die 1999 mit ihrem in der Tate Gallery ausgestellten ungemachten Bett samt blutverschmierter Unterwäsche Entsetzen verursachte. Der Geldadel der Ära Blair gibt sich ein Stelldichein, todschicke Damen, supercoole Typen, die Londoner Schickimickiszene. Nur die Hauptperson fehlt. Die beiden Direktoren der Galerie halten kurze Reden. Der Champagner geht zu Ende und immer noch keine Spur von Hirst. Die Schau wird ohne ihn eröffnet.

Wir schauen uns um, mit Vorbehalten. Was taugen die Schocktaktiken der heute 40-Jährigen noch? Ist es nicht an der Zeit, das aus Schlachtabfällen rinnende Blut in John Isaacs Unvollständige Geschichte der unbekannten Entdeckung eintrocknen zu lassen? Hat Tracey Emin uns nicht oft genug damit drangsaliert, dass »Menschen wie du Menschen wie mich ficken müssen«?

Lauter beseelte Gesichter, die Bilder scheinen jeden zu berühren

Doch die Ausstellung ist atemberaubend. Rundum sieht man beseelte Gesichter, bewegte Gesichter, tief versunkene Gesichter. Die Bilder scheinen jeden zu berühren. An der Oberfläche mag das wandfüllende Werk Ohne Titel (Witz) des Amerikaners Richard Prince wie Blödelei erscheinen. Quer über die Leinwand laufen in Druckbuchstaben diese merkwürdigen Zeilen: Wenn ich mich weigere mit dir ins Bett zu gehen flüsterte sie, »wirst du wirklich Selbstmord begehen?« »Das ist der übliche Ablauf«. ablauf«. »Das ist der übliche Ablauf«. flüsterte, »wirst du wirklich – Lauter Stummelsätze, die das Oberflächliche aufbrechen, es öffnen für versteckte Einstiege, Zugänge zu einer verführerischen Tiefe.

Im nächsten Raum eine blöd grinsende Mickymaus und der McDonald’s-Werbeclown Ronald. Die beiden haben das 1972 durch ein APFoto berühmt gewordene, vor einem Napalm-Angriff fliehende Vietnamesenmädchen Kim Phuc in die Mitte genommen. Ronald winkt dem Betrachter fröhlich zu. Ein unschlagbares Gefühl heißt dieses Gemälde des englischen Straßenkünstlers Banksy. Es ist unmöglich, sich seiner beklemmenden Wirkung zu entziehen…Hirst sei kurz da gewesen, heißt es, aber gleich wieder verschwunden. Er sei müde und wolle sich ausruhen. Es ist halt anstrengend, ein Sammler zu sein. Wie viele Bilder ihm gehören, weiß Hirst selbst nicht. Seine Sammlung enthalte so viele Werke, sagt einer, der es wissen muss, dass die Serpentine Gallery ohne weiteres mehrere Ausstellungen damit bestreiten könnte. Sie ist für 100 Millionen Pfund versichert. Hirst nennt die Sammlung Murderme. Dem Guardian erklärte er, er wollte sie ursprünglich Buggerme nennen, »Fick mich in den Arsch«, aber da habe sich seine Mutter quer gelegt. Der steht er sehr nahe, er wuchs als uneheliches Kind auf. Im Ausstellungskatalog behauptet er allerdings, der ursprüngliche Name war Murdermé, ihm habe der französische Klang gefallen, aber dann habe er den Akzent weggelassen.