Du bist in einem Fahrstuhl, fängst zu reden an, passierst den ersten, den zehnten, den 21.Stock und steigst im 52. aus, während du deinen Satz beendest.Wo sind die 52 Stockwerke geblieben?Hast du Zeit gewonnen oder verloren?Geduldig hört der Jazzkritiker seinem Freund, dem genialen schwarzen Saxofonisten, zu, wenn der zwischen Licht und Dunkel philosophiert, von Drogen euphorisiert und vom Entzug gequält. Julio Cortázars Erzählung Der Verfolger umfasst ein paar Monate des Alltags eines musikalischen Revolutionärs in Paris und beschreibt zugleich die endlose Ballade vom Bourgeois, der den kranken Engel bewundert und der vom Künstler zehrt, um ihn am Ende in einer gut geschriebenen Biografie zu beerdigen. Unschwer lässt sich darin das Leben und Sterben von Charlie Parker (1920 bis 1955) lesen, Schöpfer des modernen Jazz, Opfer der Dualität von künstlerischer Größe und menschlicher Banalität, mit all den Geschichten vom brennenden Hotelzimmer, von der reichen Gönnerin, von zerstörten Lieben und dem Glück der verschwundenen Zeit.Und doch ist alle musikbiografische Nähe der 1958 veröffentlichten Erzählung (im Band Die geheimen Waffen) nur die Blaupause für das Lieblingsspiel des argentinischen Schri ftstellers Julio Cortázar, der 1914 in Brüssel geboren wurde, in Argentinien aufwuchs, arbeitete und von 1951 an bis zu seinem Tode 1984 in Paris lebte: Was hörst und siehst du wirklich, und wie verändert sich die Wahrheit, wenn du aus dem Zimmer geh st? Als der Saxofonist Johnny Carter (alias Charlie Parker) sein desaströses Amorous (alias Lover Man) im Studio aufnimmt, will er es anschließend wegen seiner Unvollkommenheit löschen und zerstören, während das Publikum es für ein tragisches Meisterwerk hält, voller menschlicher Brüche, durch die man endlich in die Hermetik seiner Kunst eindringen könne.Ob als Schlüsselroman, Künstlernovelle oder Essay über den Abstand des Lebens von der Kunst zu betrachten, Der Verfolger ist eine der berührendsten Erzählungen über Musik, gefährdet nur durch zu schnelles Lesen. Wie gut, dass Gert Heidenreich, der den Text spricht, als sei er von ihm, dieser Geschichte Pausen und variablen Rhythmus leiht, das Hörbuch also ins Recht setzt.Zudem wurde die Übersetzung von Rudolf Wittkopf liebevoll modernisiert, das heißt in diesem Falle leicht verbessert, es wird nicht blindlings wiederholt, was durch die Zeit steif wurde.Da wirkt es fast wie eine Zugabe, dass das Hörbuch eine dritte CD enthält, mit einem Live-Mitschnitt eines Konzertes des Saxofonisten Charlie Maria no und des Bassisten Peter Ilg, das sie den Stücken von und um das uvre Charlie Parkers widmen.Es ist als wunderbare Begleitmusik zu anderen Büchern von Julio Cortázar zu hören (wie zur Reise um den Tag in 80 Welten, Suhrkamp 2004), aber doch von einer Freundlichkeit, die den Unterschied zum Verfolger deutlich macht, zu einer Musik, die nicht auf Befriedigung aus ist, sondern auf Suche. Dieser Jazz verschmäht jede billige Erotik, jeden Wagnerianismus und stellt sich in einen leeren Raum, wo die Musik in absoluter Freiheit bleibt, so wie die Malerei, die der Darstellung sich verweigert, in Freiheit bleibt, um nichts weiter zu sein als Malerei.Zweieinhalb Stunden dauert die Lesung von Gert Heidenreich, die gewonnene Zeit ist schwer zu messen. Julio Cortázar: Der VerfolgerGugis Hörbücher - 3 CDs, 255 Min., 24,90