Eine Uhr zählt die letzten Sekunden rückwärts. … 50 … 49 … 48 … Dann setzt ein Streichorchester ein und breitet einen elegischen Klangteppich aus. … 19 … 18 … Trommeln übernehmen. Mit ihrem te tahh ta, te tahh ta treiben sie die Null herbei. Es ist Zeit. »Wir schreiben den 15. November 2006. Es ist Tag eins einer neuen Ära.« Vor einem riesigen Flammenlogo auf blauem Grund treten zwei Moderatoren vor die Weltöffentlichkeit und stellen einen neuen, globalen Nachrichtensender vor: »Al Jazeera English«. Sheikh Mamad Al Thani, Chef von al-Dschasira. Mehr Bilder aus Doha und dem Sendestudio sehen Sie hier, in unserer Bildergalerie! BILD

Die beiden Männer mag in Deutschland niemand kennen, aber international haben Shiulie Ghosh und Sami Zeidan schon viele Fernsehpreise gewonnen. Und so präsentieren sie den neuen Sender von der ersten Sekunde an als Antwort auf die britische BBC und das amerikanische CNN. Al Jazeera English will es den westlichen Journalisten zeigen. Von jetzt an sollen sie die Welt nicht mehr alleine deuten dürfen.

Für den Zuschauer ist nicht zu erkennen, wie weit sich hinter den Kameras das Nachrichtenstudio ausbreitet. Es ist so groß wie eine Turnhalle und von einer Lichtinstallation bis in die letzte Ecke durchfärbt. Die Galerie im ersten Stock ist gerade in rotoranges Licht getaucht, während der Boden in tiefem Blau erstrahlt. Blau wie ein Ozean. Als hätte jemand Steine in dieses Wasser geworfen, verteilen sich die Tische der Nachrichtenchefs, Redakteure und Techniker darauf. Die Verantwortlichen haben geschlossene Kreise bekommen, während ihre Zuarbeiter an gebogenen Tischen sitzen, die sich wie Wellen um die Chefs und die Moderatoren ausbreiten.

Es ist das modernste Studio, das es auf der Welt gibt, und sein technisches Prunkstück ist eine 21 Meter lange Videowand. Am Ende einer zwei Jahre dauernden Vorbereitung haben mehr als 700 Frauen und Männer aus 45 Nationen auf diesen Moment hingearbeitet. Mehr als 300 Journalisten wurden eingestellt, Büros in fast 30 Staaten eröffnet. Bis zu eine Milliarde Dollar soll der Aufbau gekostet haben. Von seinem Hauptquartier in Doha am Persischen Golf und drei weiteren Sendezentren in Washington, London und Kuala Lumpur aus wendet sich Al Jazeera English an ein globales Publikum, und auch in Deutschland ist der Sender von der ersten Minute an über das TV-Kabel oder über Satellit zu empfangen.

+++ 22. November. 150 Menschen kommen in Bagdad durch Bombenattentat ums Leben +++ Dieses Ereignis beherrscht das ganze Abendprogramm. Tagsüber wurde stundenlang die Trauerfeier für den ermordeten libanesischen Politiker Pierre Gemayel übertragen. Deutschland kommt nicht vor.

Es ist ein gewagtes Experiment: ein West-östlicher Diwan, satellitengestützt und von einer muslimisch-westlichen Mannschaft aufgebaut. Das englische al-Dschasira will sich mit CNN und BBC messen und ist ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer globalen Öffentlichkeit, in der jeder an den wichtigsten Ereignissen im Moment des Geschehens teilnehmen kann. So wird der Sender Kultur und Ästhetik, Wissen und politische Werte aus allen Ecken der Welt in alle Ecken der Welt verbreiten. Er wird seine Zuschauer verändern – und damit die Gesellschaften, in denen sie leben.

In so einer Situation zählt jedes Wort. Deshalb schweigt Jamal El-Shayyal erst einmal, drückt einen Teebeutel am Rand seines Pappbechers langsam mit dem Finger aus, sucht einen Mülleimer, und auch danach blickt er noch einen Moment nach innen. Auf Sendung zu sein schlaucht ihn sichtlich. Als Redakteur des Middle East Desk muss er täglich Geschichten aus dem Nahen und Mittleren Osten auswählen und anrecherchieren. Er ist eine der großen jungen Hoffnungen im Sender.