Den Bauern der Provinz Guayas erschien er wie der Messias.In blütenweißem Hemd auf einem Schimmel mit schwarzem Zaumzeug.Und er hob zu reden an in ihrer Zunge, dem Quechua, der Sprache der Hochlandindianer. Die politischen Eliten haben uns alles gestohlen. Nur die Hoffnung können sie uns nicht rauben.Dazu peitschte Rafael Correa mit einem Gurt durch die Luft: So werde er das Land von Korruption und alten Kasten erlösen.Sein Name dient da als Omen. Correa heißt Riemen.Eine correada ist eine kräftige Abreibung. Die hat der 43-jährige Wirtschaftsprofessor bei der Stichwahl am vergangenen Sonntag seinem am Ende weinenden Rivalen Alvaro Noboa, dem Bananenkönig und reichsten Mann Ecuadors, fürwahr erteilt.Fast 60 Prozent der neun Millionen Wahlberechtigten stimmten für den Populisten.Nicht nur die verarmten Landbewohner und die Indios, in deren Gemeinden der Student Correa einst freiwillig gearbeitet hatte, wählten ihn.Er gewann auch die Mittelschichten des instabilsten der fünf Andenstaaten, jene Bürger, die 2004 den Präsidenten Lucio Gutiérrez mit dem Ruf vertrieben hatten: Que se vayan todos alle sollen gehen. Correa aber kommt ein weiterer linker Präsident, den die Lateinamerikaner in diesem Jahr gewählt haben.Auch wenn sie nicht alle Populisten sind: Der Neoliberalismus nach dem Washingtoner Konsens des Internationalen Währungsfonds, der den Kontinent ein Jahrzehnt lang geprägt hatte, ist tot.Und Hugo Chávez zählt die Häupter seiner Lieben.Mit Rafael Correa hat er allerdings keinen so braven Ziehsohn gewonnen wie mit dem bolivianischen Indio Evo Morales. Der Ecuadorianer ist beiden intellektuell weit überlegen.Ein Robin Hood mit dem Doktor in Ökonomie an der amerikanischen Universität Illinois und einem Abschluss an der Katholischen Universität im belgischen Leuwen. Wer Correa in Ecuadors Hauptstadt Quito gegenübersitzt, hat Mühe, ihm zu folgen.Zwar wirkt er auch im maßgeschneiderten Sommeranzug athletischer als seine Leibwächter.Seine rhetorischen Waffen aber sind unvergleichlich smarter als das populistische Geböller des Ex-Obristen Chávez in Venezuela.Ohne Atempause, im fliegenden Wechsel zwischen Spanisch, Englisch, Französisch doziert der Professor über Schulden, Kredite, Bonds, Fonds, Freihandel.Dem Stiglitz, sagt er, muss man folgen.Und meint Josep h E.Stiglitz, den amerikanischen Nobelpreisträger und früheren Chefökonomen der Weltbank, der heute zu den Kritikern der internationalen Finanzinstitutionen gehört. Chávez nennt er bloß einen Freund.Im August hat er ihn besucht und bei dessen Eltern in der Viehzuchtregion Barrinas übernachtet: Wir wollen ein vereintes Lateinamerika, das sich der inhumanen Globalisierung entgegenstellen kann.Was heißt das für die 13 Millionen Ecuadorianer?Von denen jeder Dritte von einem Dollar pro Tag leben und jeder fünfte weit weg in Spanien, USA oder sonst wo arbeiten muss. Wie Chávez und Morales will auch Correa eine verfassunggebende Versammlung einberufen, welche die verrotteten staatlichen Institutionen neu gründen und dem Präsidenten größere Vollmachten übertragen soll.Die Verträge mit den ausländischen Investoren in der Ölindustrie werden neu ausgehandelt.Ein Schuldenmoratorium oder zumindest ein reduzierter Schuldendienst soll Mittel für Bildungs- und Sozialprogramme frei machen.Ein bilaterales Freihandelsabkommen mit den USA lehnt der ne ue Präsident ebenso ab wie Morales, obwohl die Zollvorteile für Ecuadors lebenswichtige Blumen- und Bananenexporte Ende des Jahres erlöschen.Am Wahltag hat Correa noch einmal bekräftigt, dass er den 2009 auslaufenden Vertrag für den von den USA ausgebauten Flughafen Manta nicht verlängern wird.Manta, nahe der Grenze zu Kolumbien, ist der einzige US-Stützpunkt in Lateinamerika - von hier aus kontrollieren und beeinflussen Awacs-Aufklärer und Herkules-Maschinen den kolumbianische n Drogen- und Bürgerkrieg. Ecuadors neuer Präsident will da nicht weiter hineingezogen werden.Zu Beginn des Wahlkampfes hat Correa in seinen ebenso brillanten wie hitzköpfigen Reden George W.Bush als äußerst unterbelichteten Präsidenten apostrophiert, der seinem Land und der Welt großen Schaden zufüge.Wenn Chávez den US-Präsidenten mit dem Teufel vergleiche, sei das unfair gegenüber dem Teufel.Doch schon während der Stichwahl dämpfte er den Ton: Persönlich habe ich nichts gegen Bush.Ich lehne nur sein Denken ab.Gute B eziehungen zu Washington seien wünschenswert.Zur Beruhigung bürgerlicher Wähler hat sich Correa jüngst sogar zu einer freundlichen Begegnung mit US-Botschafterin Linda Jewell durchgerungen. Ecuadors neuer Mann ist erratisch und stimmungsabhängig, aber gescheit genug, um zu wissen, dass sein bitterarmes Land mit Washington nicht so umspringen kann wie das an Öl überquellende Venezuela.Und der Ökonom hat im Wahlkampf gut registrieren können: Wann immer er an Wählergunst hinzugewann, fiel Ecuador in der Gunst der Wallstreet. Kollegen von der Universität sind überzeugt, dass der einstige Musterschüler von ärmlicher Herkunft ebenso sehr Pragmatiker sein kann wie Populist.Auf jeden Fall ist der seit seiner Jugend sozial engagierte Correa kein Opportunist.Der Wirtschaftsprofessor Werner Baer, der zur Kommission gehörte, die über seine Dissertation (zum Thema Globalisierung) befand, sah in ihm einen herausragenden Studenten, der den Mut aufbrachte, die herrschende ökonomische Lehre zu hinterfragen. Ein idealer Kampfgefährte für Hugo Chávez oder eher ein künftiger Konkurrent?Auch Correa, urteilt seine frühere Kollegin Magdalena Barreiro, wolle mehr werden als nur Präsident ein lateinamerikanischer Führer.Dazu muss er in seinem Land des ständig hochkochenden Volkszorns erst einmal erreichen, was die acht Präsidenten vor ihm in den vergangenen neun Jahren nicht schafften: seine Amtszeit zu Ende zu bringen.