Aktien steigen in der Regel, wenn die Wirtschaft wächst und die Gewinne steigen. Umgekehrt gilt: Wächst die Wirtschaft, steigen meist auch die Zinsen, weil mehr Kapitalbedarf besteht und weil hohes Wachstum oft mit höherer Inflation einhergeht. Steigende Zinsen bedeuten aber fallende Anleihekurse. Wie also ist derzeit die Realwirtschaft einzuschätzen – und was bedeutet das für die Zukunft an den Kapitalmärkten?

Die ZEIT hat zwei internationale Marktstrategen zum Streitgespräch gebeten. Beide sind intensive Beobachter der globalen Kapitalmärkte, beide sind für ihre pointierten und meist weit von der Mehrheitsmeinung abweichenden Einschätzungen geachtet, beide beeinflussen das Denken und Handeln großer Vermögensverwalter und Hedge-Fonds-Manager. Albert Edwards ist seit 1988 in Diensten von Dresdner Kleinwort. Er setzt seit Jahren auf Anleihen, weil er mit fallenden Zinsen rechnet – und immer wieder wird er von der Sorge geplagt, der Kapitalismus könnte eines Tages zusammenbrechen. Tim Bond , seit neun Jahren bei Barclays Capital, sieht weit weniger schwarz. Er baut weiterhin auf Euroland und dort vor allem auf Aktien.

Tatsächlich war Euroland die Überraschung des Jahres. Es gilt als Hoffnungsschimmer für die Weltwirtschaft, seine Wirtschaft legte viel kräftiger zu als erwartet. Aber auch Japan, die Nummer drei der Weltwirtschaft, präsentierte sich in diesem Jahr in guter Verfassung.

Da Amerika das Zentrum des globalen Kapitalismus ist und das meiste Geld in amerikanischen Wertpapieren angelegt ist, kommt der größten Volkswirtschaft der Welt bei jeder Analyse die wichtigste Rolle zu. Droht Amerika nächstes Jahr eine Rezession oder nur eine Wachstumspause?

Selten war die Zunft der Analysten und Volkswirte so uneinig wie heute. Noch nicht einmal über die Richtung des nächsten Zinsschrittes der amerikanischen Notenbank herrscht halbwegs Einigkeit. Fest steht lediglich, dass sich Amerikas Wirtschaft abkühlt. Können die Volkswirtschaften im Rest der Welt trotzdem so kräftig wachsen, dass sie das ausgleichen? Die Meinungen prallen aufeinander. Robert von Heusinger