Am Nikolaustag stellen die Kinder gern ihre Stiefel vor die Tür und hoffen, dass am nächsten Morgen eine süße Überraschung darin ist. Weil in jedem Erwachsenen ein Kind steckt, spielen Banken mit ihren Kunden das gleiche Spiel – nur mit dem Unterschied, dass sie beim Verteilen der Süßigkeiten längst nicht so großzügig sind. Der Stiefel, den Anleger im vergangenen Jahr vor die Tür stellen durfte, nannte sich Nikolaus-Anleihe. Und die Werbetexter der Deutschen Bank, die für das Papier verantwortlich ist, versprachen wunderbare Geschenke: »Renditechancen statt Träumerei – 15 Prozent Gesamtzins sammeln!« BILD

Doch in bester Nikolaus-Manier stellte die Deutsche Bank auch gleich die Rute von Knecht Rupprecht daneben: Der scheinbar üppige Gesamtzins verteilt sich nämlich auf je fünf Prozent in den ersten beiden Jahren und jeweils ein Prozent in den restlichen fünf Jahren der siebenjährigen Laufzeit. Ob und in welcher Höhe es nach Ablauf der ersten beiden Garantiezinsjahre Extrazinsen gibt, entscheidet ein komplizierter Mechanismus.

Basis ist zunächst ein Portfolio aus 25 Aktien aus aller Welt. Daraus pickt die Deutsche Bank jährlich die Aktie mit der schlechtesten Kursentwicklung heraus und teilt die Wertentwicklung durch fünf. Die Zahl, die dabei herauskommt, wird zu einem Zinssatz von fünf Prozent hinzuaddiert oder abgezogen – je nachdem, ob die schlechteste Aktie noch einen kleinen Gewinn machen konnte oder einen Verlust verbuchte. Ist das Ergebnis größer als ein Prozent, erhält der Kunde diesen Zins. Liegt das Ergebnis darunter, bekommt er lediglich ein Prozent Festzins.

Macht beispielsweise die schlechteste Aktie zehn Prozent Kursverlust, verbleibt zur Verrech-nung davon ein Fünftel – also zwei Prozent. Abgezogen von fünf Prozent Basiszins, verbleibt dann ein Jahreszins von drei Prozent. Verliert die schlechteste Aktie hingegen 20 Prozent, bleibt nur noch der Magerzins von einem Prozent übrig. Weil das der Deutschen Bank noch nicht kompliziert genug ist, hat sie eine weitere Schwelle eingebaut: Sobald die Summe der gezahlten Zinsen 15 Prozent überschreitet, wird die Anleihe vorzeitig zurückgezahlt.

»Allein schon die Tatsache, dass der schlechteste Einzelwert eines Aktienkorbs den Maßstab für die Gesamtrendite setzen soll, widerspricht jeglicher Anlegerlogik«, sagt Rainer Juretzek, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Finanzplanung in Bad Homburg. Zwar können Anleger mit der Nikolaus-Anleihe keine Verluste machen, wenn sie das Papier bis zur Fälligkeit halten und nicht vorzeitig über die Börse verkaufen. Doch dann liegt im schlechtesten Fall der durchschnittliche Jahreszins für sieben Jahre Laufzeit bei 2,1 Prozent.

Aus dem Swing wird schnell ein Blues

Ähnlich gestrickt ist die »Wintertraum«-Anleihe, die Ende vergangenen Jahres von der Citibank angeboten wurde. Dort ist für die Rendite entscheidend, wie viele Aktien aus einem Korb von 15 Einzeltiteln mehr als 20 Prozent Gewinn oder Verlust machen. Je mehr Aktien aus diesem Korridor nach oben oder nach unten ausbrechen, umso niedriger fällt der Zins aus. Ein Jahr nach der Emission sind die Ergebnisse ernüchternd: Sowohl die Anleihe der Deutschen Bank als auch das Papier der Citibank dümpeln an der Börse leicht unterhalb des Ausgabekurses vor sich hin – ein klares Indiz dafür, dass kaum ein potenzieller Investor ernsthaft erwartet, dass sich in Zukunft der Stiefel füllt.

Trotz der mauen Rendite läuft die Anleihenmaschine unverdrossen weiter und spuckt immer wieder Produkte mit fragwürdigen Spielelementen aus. So präsentierte im Oktober die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) den Sparkassen im Ländle »fünf Produktideen zum Weltspartag«. Neben Sparbuch und Sparbrief wurde denen, die zum Weltspartag ihr Sparschwein schlachten wollten, auch Exotisches geboten.