Offenbar ist es den Zaubermeistern in den Hexenküchen der Banken gelungen, das vollkommene Produkt zu kreieren. Eine Geldanlage, mit der man zwar vollständig an den Kurssteigerungen der Börse teilhaben kann, die aber auch dann noch Gewinne bringt, wenn die Aktienkurse nach unten gehen. Twin-Win nennt sich dieses fabelhafte Produkt. Doch bei genauerem Hinschauen verflüchtigt sich sein Zauber ein wenig. BILD

Twin-Wins sind Zertifikate, deren Wertentwicklung vom Preis bestimmter Wertpapiere oder von einem Aktienindex abhängt. Sie sind für Laien nicht einfach zu verstehen. Die Besitzer dieses Zertifikates erzielen mindestens den gleichen Wertzuwachs wie der Kurs des zugrunde liegende Basiswertes. Bei vielen Papieren werden die Anleger über einen Hebel sogar überproportional am Zuwachs der entsprechenden Aktie oder des Index beteiligt. Und der Clou: Sie machen auch dann ein Plus, wenn der Kurs des Basiswertes fällt. Bei Fälligkeit werden die Verluste nämlich eins zu eins als Gewinn ausgezahlt. Allerdings nur, solange sie sich in bestimmten Grenzen halten.

Wie sieht das nun in der Praxis aus? Zum Beispiel bei einem Twin-Win-Zertifikat auf DaimlerChrysler-Aktien: Es wird unterstellt, dass das Papier bei Herausgabe des Zertifikates bei 47 Euro notiert. Dieser Kurs wird als Basispreis festgelegt. Zusätzlich wurde das Papier mit einem Hebel von 1,3 ausgestattet. Das bedeutet, dass die Kursgewinne der Aktie mit 1,3 multipliziert werden. Steigt nun die Daimler-Aktie bis zur Fälligkeit des Zertifikats im September 2009 um zehn Euro auf 57 Euro, so bekommen die Twin-Win-Besitzer 60 Euro ausgezahlt: den Basispreis von 47 Euro plus den mit 1,3 multiplizierten Kursgewinn von 10 Euro.

Etwas kniffliger wird es, wenn der Aktienkurs zurückgeht und bei Fälligkeit beispielsweise bei 35 Euro notiert. Während ein Aktienbesitzer in diesem Fall auf Verlusten säße, bekommt der Zertifikate-Anleger hübsche 47 Euro (Basispreis) zuzüglich der Differenz zu 35 Euro (Umwandlung des Verlustes in einen Gewinn), insgesamt also 59 Euro ausgezahlt. Eine wunderbare Sache also. Der kleine Schönheitsfehler: Der Kurs der Daimler-Aktie darf zu keinen Zeitpunkt bis zur Fälligkeit im September 2009 unterhalb von 30 Euro notiert haben. Ein ganz wesentlicher Faktor bei den Twin-Wins ist nämlich die so genannte Schutz- oder Protect-Schwelle, die hier bei 30 Euro liegt. Wird sie berührt oder gar unterschritten, sind die positiven Erträge bei fallenden Kursen perdu.

Wurde die Schutzschwelle verletzt und notiert die Aktie am Laufzeitende unterhalb des Basispreises, so erhält der Anleger entweder die Aktie oder eine Rückzahlung, die dem Kurs der Aktie bei Fälligkeit des Zertifikats entspricht. Das Risiko, dass DaimlerChrysler-Aktien unter 30 Euro rutschen, mag zwar gering erscheinen. Derzeit steuert der Kurs eher auf die Marke von 50 Euro zu. Aber immerhin lag er 2003 auch schon einmal bei 25 Euro. Und die Zeit bis zum September 2009 ist lang.

Twin-Win-Zertifikate bieten also keineswegs eine Vollabsicherung, auch wenn der Name und die Werbung dies suggerieren. Ein sinnvolles Anlagevehikel können sie jedoch für Investoren sein, die grundsätzlich mit steigenden Notierungen rechnen, gewisse Kurskorrekturen aber nicht ausschließen, weil der Basiswert zum Beispiel bereits über längere Zeit gestiegen ist. In diesem Fall bieten sie gegenüber dem direkten Kauf des Basiswertes ein zusätzliches Sicherheitspolster. Gleichzeitig erhöht sich die Chance, Gewinne zu erzielen.

Allerdings werden die Gewinne erst am Fälligkeitstag ausgezahlt. Das Geld der Twin-Win-Anleger ist deshalb quasi bis zur Fälligkeit gebunden. Zwar kann man die Papiere jederzeit an der Börse verkaufen. Doch aufgrund der Komplexität solcher Produkte weichen die Kurse oft ganz erheblich von den Erwartungen eines unerfahrenen Anlegers ab. So müssen fallende Notierungen des Basiswertes – anders als dies mancher Werbeslogan vermuten lässt – keineswegs zwangsläufig zu Kurssteigerungen führen. Zwar nimmt der innere Wert des Zertifikates zu, gleichzeitig steigt aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Protect-Schwelle verletzt wird.