RigaIn der backsteinernen Altstadt von Riga sollte kurz innehalten, wer das Staunen schon verlernt hat.Da flanieren die Präsidenten, Premiers und Generale der Nato durch enge Gassen, die vor 15 Jahren noch sowjetisches Pflaster waren, die nicht mehr a ls 800 Kilometer von Moskau entfernt sind, in denen der Besucher noch heute besser mit Russisch als mit Englisch durchkommt.Kein Ort symbolisiert den Erfolg der 57 Jahre alten Allianz besser als das unabhängige Riga, wo die Nato diese Woche ihren Gipfel abgehalten hat. Und doch ist das nordatlantische Bündnis in schwerer Bedrängnis. Zehntausende seiner Soldaten stehen verstreut auf drei Kontinenten, in Afghanistan müssen sie kämpfen, da geht es um den Tod von Nato-Soldaten und das Überleben der Allianz.Innerhalb der Nato schwelt der Streit, ob sie nun zur globalen Einsatztruppe mit pazifischen Bundesgenossen werden oder ein nordatlantischer Pakt bleiben soll.Immer neue Aufgaben werden ihr angedient: die Krisen im Nahen Osten, die Sicherheit westlicher Energieversorgung alles unter dem Banner: Wir exportieren Stabilität.Ze rbricht die Allianz an ihren Ansprüchen? Afghanistan, das sollte der Nato-Showroom werden. Out of area, or out of business hieß der Schlachtruf wer nicht außerhalb des Bündnisgebiets auftritt, kann bald sein Geschäft aufgeben.Die Nato wollte helfen, das im Bürgerkrieg zerstörte Land wieder aufzurichten. Doch im vierten Jahr der Nato-Mission sind die Taliban zurück auf den Schlachtfeldern.Dutzende Nato-Soldaten, vor allem Kanadier, sind im Kampf gefallen.Der britische Nato-Befehlshaber General David Richards fordert Verstärkung, 2200 Nato-Soldaten mehr und High-Tech-Ausrüstung für den unsicheren Süden.Kanzlerin Angela Merkel musste am Dienstagabend in Riga erklären, warum das Bundestagsmandat nicht erlaubt, Soldaten aus dem vergleichsweise ruhigen Norden für ausgedehnte Missionen in den Süde n zu schicken.Nicht alle Nato-Partner haben verständnisvoll genickt. Das UN-Logo bietet weniger Angriffsfläche als der Nato-SternBündnissolidarität heißt das Wort, das in den spätmittelalterlichen Gildehallen der Rigaer Handwerker und Kaufleute herumgereicht wurde, US-Präsident Bush gab es als Forderung an die Europäer zurück.Dagegen wirkte der Vorschlag des französischen Präsidenten fast wie eine Entlastungsoffensive.Chirac regte eine Kontaktgruppe für Afghanistan an, die nicht nur die wichtigsten Truppensteller, sondern auch zivile Organisationen und Nachbarländer einschließen soll.Was immer daraus wird: Die a fghanische Expedition ist zu einer Nato-Übung in Daseinsrechtfertigung geworden und bedroht zugleich das Ansehen des Bündnisses.Einerseits: Wohin will die Nato noch Stabilität exportieren, wenn sie in Afghanistan klein beigibt?Andererseits: Was ist das Bündnis noch wert, wenn es am Ende so besudelt aussieht wie die USA im Irak? Der Vergleich wurde auch in Riga zum Thema.Es war der jordanische König Abdallah, der am Vorabend des Nato-Gipfels sehr zu Recht warnte, die Welt stehe vor drei möglichen Bürgerkriegen im Nahen Osten: in Palästina, im Libanon und im Irak, wo er schon sichtbar ist.Doch kann die Nato Abhilfe schaffen?Der demokratische Senator Joseph Biden, demnächst Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im US-Senat, fordert seit langem Nato-Truppen, um die Grenze zwischen Syrien und dem Irak abzuriegeln.Doch di e Mehrheit der Nato-Staaten denkt nicht daran, ihre Soldaten in den irakischen Kessel zu schicken, wo mittlerweile fast täglich über hundert Zivilisten sterben. So bleiben wohl auch nach dem Gipfel die Aufgaben geteilt.Die US-Truppen stehen vorerst im Irak.Hingegen führen EU-Staaten die aufgerüstete UN-Mission im Libanon, welche die Kriegsparteien Israel und Hisbollah auf Distanz halten soll.Auch der einzige muslimische Nato-Staat, die Türkei, ist im Libanon dabei unter dem Zeltdach der UN.Diese ausgefeilte Konstruktion zeigt nebenbei auch die Grenzen für Einsätze der Nato im Nahen Osten.Eine Präsenz des Bündnisses im Libanon hätte in der arabischen Wel t all die beliebten kolonialen Stereotypen neu belebt und Widerstandspredigern Rückenwind gegeben.Da bietet das UN-Logo viel weniger Angriffsfläche als der Nato-Stern. Der neue Gegner des Bündnisses: Renitente EnergielieferantenDie Erfahrungen in Afghanistan, im Irak und im Libanon zeigen: Nato-Truppen können nur dann stabilisieren, wenn sie nicht polarisieren.Falls aber die Nato als westliche Exportagentur für Stabilität in weiten Teilen des Nahen und Mittleren Osten nich t gefragt wäre, was könnte sie darüber hinaus noch tun?Zurück zum Verteidigungsauftrag, lautet eine der Antworten aus Riga.Ein Nato-Grundsatzdokument zählt die vielfältigen neuen Bedrohungen auf, Raketenangriffe aus fernen Ländern, terroristische Üb erfälle, chemische und biologische Waffen, schmutzige Bomben.Und nicht zuletzt: die Unterbrechung der Energieversorgung. Da ist man in Riga am richtigen Ort.Der benachbarte Rohstoffriese Russland hat vor nicht langer Zeit eine Ölpipeline zum lettischen Ostseehafen Ventspils trockengelegt.Moskau möchte so die Übernahme einer wichtigen lettischen Raffinerie durch ein polnisches Unternehmen verhindern.Das Drehen am Pipeline-Ventil ist in Russland überhaupt zur beliebten Übung geworden: Die Ukraine und Georgien können dies bestätigen.Ein Fall für die Nato? Das Thema griff jener Mann auf, der vor über zehn Jahren der Nato ins Stammbuch schrieb, dass sie über ihr Bündnisgebiet hinausgreifen müsse: der republikanische US-Senator Richard Lugar.Auf der Rigaer Konferenz des German Marshall Fund während des Nato-Gipfels malte er die Gefahr bedrohlich aus.Die Nachfrage nach Energie sei groß, die Produzentenkartelle hielten den Rohstoff absichtlich knapp. Schon kleine Produktionsunterbrechungen können große Preissprünge verursachen, sagte der derzeitige Chef des Auswärtigen Ausschusses im Senat.Aufstrebende Mächte wie China wollten gegen andere ihre Versorgung sichern.In dieser angespannten Situation sei Energie die bevorzugte Waffe für jene, die über sie verfügen, warnte Lugar. Die Nato muss der verlässliche Schutz für die Nationen sein, die durch den möglichen Einsatz der Energiewaffe bedroht werden. Fragt sich nur, wie die Nato da helfen kann.In Riga mangelte es nicht an Ideen.Zum Beispiel: Die Stärke der Nato liege auch auf dem Wasser. Maritime Nato-Verbände könnten Tankerrouten sichern, Piraten aufbringen, Anschläge auf Häfen verhindern.Oder: Die Nato sollte Georgien aufnehmen und die Ölpipeline vom Kaspischen Meer an die türkische Mittelmeerküste auch auf dem Land absichern.Oder, ein weitsichtigerer Vorschlag aus den USA: Die Nato-Staaten müssten kräftig in alternative Energien investieren, mehr Biokraftstoffe produzieren und neue Antriebstechnologien entwickeln.Natürlich überschreitet die Nato spätestens in diesem Kriegsthe ater ihr Einsatzgebiet. Richard Lugar versuchte, die Nato auf ihr klassisches Terrain zurückzubringen bei der Diskussion um den Artikel 5 der Nato-Charta, der den Verteidigungsfall ausruft, wenn ein Mitglied angegriffen wird. Es gibt keinen Unterschied zwischen der Einstellung von Energietransporten und einer Demonstration militärischer Stärke gegen ein Nato-Mitglied, sagte Lugar.Noch ist die Nato fern davon, sich auf diesen kühnen Grundsatz zu verständigen.Täte sie es, könnte sie beim nächsten Moskauer Dreh an den Gasventilen des großen Bluffs überführt werden.Denn militärisch lassen sich Energielieferungen kaum erzwingen.