Die Halbwertszeit von Lebensmittelskandalen beträgt nur wenige Wochen.Im Spätsommer debattierte die Republik darüber, welche Konsequenzen aus den Gammelfleisch-Funden in Bayern zu ziehen seien.Doch die Zeiten der Igitt-Schlagzeilen und Härter durchgreifen-Rhetorik waren schnell vorüber.Seither werkeln Fachgruppen und Arbeitskreise weitgehend unbeobachtet an der Reform der Lebensmittelüberwachung herum.Dass vor kurzem erneut Gammelfleisch in München und Aschaffenburg auftauchte, inter essierte nur noch lokale Medien und Politiker, die prompt forderten, was sie immer fordern: strengere Strafen, mehr Kontrollen. In einigen Fällen hat sich tatsächlich etwas getan.So werden beispielsweise in Nordrhein-Westfalen 100 zusätzliche Kontrolleure ausgebildet.Der Freistaat Bayern schafft 65 zusätzliche Planstellen und hat eine Spezialeinheit Lebensmittelsicherheit eingerichtet. Schwieriger scheint es jedoch zu sein, jenseits solcher punktueller Maßnahmen die über Jahrzehnte hinweg eingeschliffenen Strukturen in der Lebensmittelkontrolle tatsächlich zu ändern.Theorie und Praxis klaffen oft sehr weit auseinander, erst recht in der Provinz, wo Beziehungen, Freund- und Seilschaften das Miteinander von Agrarwirtschaft und Politik bestimmen.Wo man manche Probleme vielleicht gar nicht als solche wahrnimmt. Möckern in Sachsen-Anhalt ist ein Beispiel dafür.In der kleinen Stadt steht ein großer Schlachthof.Das war schon so, als Möckern noch in der DDR lag, der Betrieb Kombinat Industrielle Mast hieß und Goldbroiler für den Osten herstellte.Kaum war die Mauer gefallen, kaufte die niedersächsische PHW-Gruppe den Schlachthof, modernisierte ihn und produziert seitdem Hähnchenfleisch der Marke Wiesenhof. Dutzende selbstständige Mäster aus dem Umland liefern dort ihre Tiere ab, und nicht nur sie leben von dem Schlachthof. Der Geflügelkonzern gibt in Möckern etwa 400 Menschen Arbeit, hat neben dem Schlachthof eine moderne Brüterei errichtet und erst kürzlich viel Geld in neue Maschinen investiert.Wiesenhof ernährt nicht nur zahlreiche Familien im Ort, sondern mit seiner Gewerbesteuer auch den Ort selber.Der Fleischkonzern ist eine Instanz, erst recht in einem Bundesland wie Sachsen-Anhalt, das mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von mehr als 16 Prozent geschlagen ist.Die Region Möckern weiß, d ass man dankbar sein muss. Darum feiert man in der Stadthalle Möckern regelmäßig das Große Broilerfest.Und darum haben die Stadtväter dem Unternehmen vor sechs Jahren sogar ein Denkmal spendiert: das einzige Wiesenhof-Denkmal der Welt.Es war ihnen eine Herzensangelegenheit, heißt es noch heute in einer Selbstdarstellung. Auch die Beziehung zwischen Wiesenhof und dem Landrat Lothar Finzelberg aus der Nachbarstadt Burg muss wohl herzlich sein.Der Landkreis Jerichower Land ist für die Überwachung des Schlachthofes Möckern zuständig.Über einen längeren Zeitraum, mindestens bis 2002, war Tierärztin W. dort amtlich bestellte Kontrolleurin.Im Schlachthof traf sie auf den Betriebsleiter W. ihren Ehemann.Wiesenhof bestätigt die Konstellation. Von nachlässiger Arbeit ist nichts bekannt geworden.Mitarbeiter des Schlachthofes beschreiben die Amtstierärztin sogar als sehr pflichtbewusst.Dass aber die Ehefrau überhaupt die Arbeit ihres Mannes kontrollieren darf, stört bis heute niemanden.Soll heißen: Es könnte jederzeit wieder geschehen.Und das in einer Zeit, in der die Unabhängigkeit der Kontrolleure als einer der Knackpunkte bei der Reform des Lebensmittelrechts gilt. Wer den Landrat um nähere Informationen bittet, stößt auf völliges Unverständnis.Sein Büro teilt mit, dass es die Namen der Amtstierärzte nicht verrate, weil die Öffentlichkeit daran kein Interesse haben kann.Eine Begründung gibt es auch: Bei der Kontrolle eines Schlachthofes geht es um die Kontrolltätigkeit als solche, nicht um die Identität einzelner Personen.Auf den konkreten Fall des Ehepaars W. angesprochen, weicht die Behörde aus und stellt fest: Für einen Interessenkonflikt () gibt e s keine Anhaltspunkte. Wirklich nicht?Kann es eine engere Verbindung geben als die zwischen Eheleuten? Dass Nähe grundsätzlich das Risiko von Interessenkonflikten erhöht, ist in anderen Branchen längst anerkannt.Deshalb dürfen Wirtschaftsprüfer, die Jahresabschlüsse von Unternehmen testieren, mit diesen weder finanziell noch persönlich verbunden sein.Wer für eine große Prüfungsgesellschaft arbeitet, darf darüber hinaus oft nur ein paar Jahre hintereinander dasselbe Unternehmen kontrollieren.Ein Richter dürfte nie einen Prozess führen, an dem ein Mitglied seiner Familie beteiligt ist.Und auch die Vorstandschefs großer Konzerne werden kritisiert, wenn sie nach Ende ihrer Amtszeit in den Aufsichtsrat wechseln und dort auch die Ergebnisse ihrer eigenen Vorstandsarbeit überwachen. Die Frage nach der Unabhängigkeit der Kontrolleure ist sogar auf oberster politischer Ebene umstritten.Sollen sie regelmäßig ausgetauscht werden also rotieren , um Abhängigkeiten zu vermeiden? Nach dem Gammelfleisch-Skandal vom Spätsommer einigten sich die Verbraucherminister von Bund und Ländern auf ein 13-Punkte-Programm, dass aber kurz nach der Verabschiedung wieder zerpflückt wurde.Schon wenige Wochen nach Erscheinen des Papiers grantelte der für den Verbraucherschutz zuständige Bundesminister Horst Seehofer: Zu einschneidenden strukturellen Reformen kam es in den Bundesländern () bisher nicht.Daraufhin riefen im Oktober vier Landesminister Seehofer öffentlich zur Or dnung und forderten, der Bund solle die konstruktive Arbeitsteilung () nicht ständig infrage stellen.Im Klartext: Seehofer, lass uns in Ruhe! Während der Bundesminister zuletzt ein uneingeschränktes Rotationsprinzip für die Lebensmittelüberwacher erwog, unterstellten ihm die Länder Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Mecklenburg-Vorpommern ein pauschales und tiefes Misstrauen gegenüber den Kontrolleuren.Die Rotation solle besser auf kritische Fälle beschränkt werden und nicht generell zur Anwendung kommen.Bei ihrem nächsten Treffen, das voraussichtlich im Dezember stattfindet, haben die Verbraucherminister die Gelegenheit, sich zu einigen. Der Schriftwechsel zwischen Bund und Ländern zeigt: Jeder Versuch, die bestehenden Zuständigkeiten zu ändern oder auch nur infrage zu stellen, provoziert eine reflexartige Gegenwehr.Etwas wirklich zu ändern, erfordert noch viel mehr Kraft, erst recht, wenn die Einstellung Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser noch weit verbreitet ist. In Orten wie Möckern kann man spüren, dass Verbraucherminister ziemlich weit weg sind.Und das nicht nur physisch.