Für eine Demokratie ist dies der wohl ungeheuerlichste Verdacht: Wahlbetrug.Genau das, so behauptet der italienische Journalist Enrico Deaglio, habe der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi bei den Parlamentswahlen am 9. und 10.April versucht und zwar in der Schaltzentrale der Stimmenauszählung, dem Innenministerium auf dem Viminal, einem der sieben Hügel Roms.Und beinahe habe er es geschafft: Nach einem Auszählungsmarathon gewann sein Kontrahent Romano Prodi mit nur 0,1 Prozent Vorsprung .Am vergangenen Freitag veröffentlichte Deaglio eine DVD mit seinen Thesen.Titel: Ihr tötet die Demokratie.Innerhalb von Stunden war der Doku-Thriller im ganzen Land vergriffen.Versuchter Wahlbetrug in Italien, die Nachricht ging um die Welt.Ein gefu ndenes Fressen für die Linke so schien es.Die von Berlusconi geführte Opposition wies den Verdacht empört zurück, und Ex-Innenminister Giuseppe Pisanu drohte Deaglio mit Schadensersatzklage.Die Mitte-links-Regierung forderte sofortige, umfassende Auf klärung.Die römische Staatsanwaltschaft kündigte ein Ermittlungsverfahren an. Dann kam das Wochenende, der vermeintliche Skandal verschwand von den Titelseiten der Zeitungen, und am Dienstag berichteten viele schon gar nichts mehr.Die Staatsanwaltschaft hatte inzwischen erklärt, auf die Neuauszählung der Stimmen verzichten zu wollen.Deaglios These bezieht sich auf die Manipulation eines Computerprogramms, mit dem leer abgegebene Wahlzettel Berlusconis Forza Italia zugeschanzt worden seien.Doch für das Ergebnis seien nicht die elektronisch erfassten Daten maßgeblich, sonde rn die Protokolle der Wahllokale, sagt die Staatsanwaltschaft.Diese gingen nach wie vor auf Papier an das Kassationsgericht, das italienische Gegenstück zum Bundesgerichtshof. Aus Deaglios Film ergebe sich kein Hinweis auf einen Straftatbestand. Im Gegenteil: Jetzt wird gegen Deaglio wegen Störung der öffentlichen Ordnung ermittelt. Nun fordern die Wahlverlierer der Rechten, alle Stimmen noch einmal auszuzählen.Die Wahlsieger des Mitte-links-Bündnisses aber wollen vom angeblichen Betrug des Kontrahenten Berlusconi nichts mehr wissen. Die Wahlen waren legitim, erklärte der kommunistische Präsident der Abgeordnetenkammer, Fausto Bertinotti.Und ein Führer der Linksdemokraten, der größten Regierungspartei, fand ebenfalls, dass Deaglio wirkliche Beweise schuldig geblieben sei. Jetzt noch die Legitimität der Wahl anzuzweifeln könnte Berlusconi in die Hände spielen. Dabei gilt der 59-jährige Deaglio als versierter Journalist.Die von ihm geführte kleine Wochenzeitung Diario bietet immer wieder investigative Reportagen auch in Italien eher eine Seltenheit. Doch sein neuer Film lässt einiges an Präzision vermissen.Sicher, es war merkwürdig, dass das Resultat erst zehn Stunden nach Schließung der Wahllokale feststand aber bei einem äußerst knappen Vorsprung von 0,1 Prozent ist das angesichts des byzantinischen Protokollverfahrens der Italiener immerhin denkbar.Und die Anzahl der leer abgegebenen Wahlzettel war, verglichen mit dem Urnengang 2001, tatsächlich verblüffend niedrig aber auch das erklärt sich durch die Stimmung, die im Vor feld der angeblichen Schicksalswahl von beiden Lagern aufgeheizt worden war.Außerdem bleibt die große Frage: Wenn Berlusconi gefälscht hat warum hat er dann nicht gewonnen?Dem Großunternehmer, der zurzeit wieder einmal wegen Betrugs und Ste uerhinterziehung vor Gericht steht, kann man eine Menge unterstellen.Dilettantismus aber ganz sicher nicht.