Das Personal von Familienidyllen hat sich gewandelt seit den Tagen des Mormonenklassikers Meine kleine Farm . Dennoch, nichts anderes als eine Idylle ist es, die die amerikanische Komödie Little Miss Sunshine malt. Im modernen feel good- Movie dürfen die Figuren nämlich gerne schlecht drauf sein. Sie müssen es sogar, das ist die Dialektik des psychologischen Zeitalters. Opa sitzt, nach dem Rauswurf aus dem Altenheim, unterm Dach seines Sohnes, schnieft Heroin und schmökert in Pornoheften. Ebenfalls neu eingezogen ist Onkel Frank, ein Proust-Experte, der just versucht hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Frank wird im Zimmer des Filius einquartiert, der sich in einer pubertären Depression befindet. Vor allem kotzt ihn Papa Richard an, ein Erfolgstrainer, dem jeder Erfolg abgeht. Und dann ist da noch Olive, sieben Jahre, die die Wahl zur Little Miss Sunshine gewinnen will, trotz ihres Babyspecks und obwohl sie mit ihrer riesigen Brille einwandfrei als nonbeauty gekennzeichnet ist. Die Stimmung bei den Hoovers ist also nicht immer die beste, der Umgang aber (fast) immer liebevoll. Ein wahrhaft böses Wort fällt nie. Vor allem gibt es eines nicht in dieser Familie: Abwesenheit, Gleichgültigkeit. Opa erarbeitet mit Olive die Choreografie für den Schönheitswettbewerb, und Papa kann selbst im Schweigen seines Sohnes noch einen Triumph des Willens erkennen. Die Hölle, das sind die anderen? Ganz im Gegenteil. Seit die Familie wieder unangefochtenes Ideal ist, kann man ihr einiges aufbürden. Die Botschaft ist: Sie wird mit allem fertig. Wirkliches Unheil droht nur von außen. Die durchaus konservative Botschaft: Gesellschaft böse, Gemeinschaft gut.

Um das hohe Lied der Sippschaft zu singen, schickt der Film die Hoovers auf einen Treck nach Westen. Ihr Ziel ist das gleiche wie das vieler Siedler vor 150 Jahren: Kalifornien. Auch wenn dort kein neues Leben begonnen, sondern nur – letzte Schwundstufe moderner Existenzgründungen – eine Misswahl gewonnen werden soll. Zur Unterstützung der kleinen Olive kommen alle, wenngleich mosernd und motzend, mit auf die Reise. Statt im Planwagen hockt die Familie in einem alten, gelben VW-Bus. Mit diesem Vehikel, das wie seine Insassen nicht richtig funktioniert, ist die Konstellation des Films perfekt – allerdings seine begrenzte Komik auch schon umrissen. Fortan funktioniert er ein bisschen wie ein Flipperautomat. Zwischen den Figuren bewegt sich die Handlung hin und her wie die Kugel zwischen Banden und Rampen, die verlässlich vibrieren, blinken und tröten (defekte Autohupe!). Das Personal verrät schon alle Pointen, die Gags ergeben sich vorhersehbar aus der Kollision der unterschiedlichen Typen. Man erinnert sich an Al Bundy und seine schrecklich nette Familie. Es ist das Prinzip der Sitcom. Auch geistig ist Little Miss Sunshine von Jonathan Dayton und Valerie Faris nicht so weit von Al Bundy entfernt, wie es ein Großvater auf Heroin, ein Jugendlicher mit schwarz gefärbter Grunge-Frisur und ein sonnengelber Hippiebus auf den ersten Blick vermuten lassen. Tatsächlich entstammt das pseudo-skurrile Figurentableau geradewegs einer fleißig nach »totaler Verrücktheit« suchenden Normalofantasie (in der das Heroinschniefen gleich nach dem Haschischspritzen kommt). Onkel Frank erzählt bei Tisch, dass es ein Mann sei, dem sein Liebesschmerz gelte. »Das ist ja albern«, sagt Olive. Da grummelt Opa: »Dafür gibt’s noch ein anderes Wort.« Wir Zuschauer kennen es: schwuu-uul. Großer Lacher. Der auf Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll stehende Greis als Stichwortgeber für biedere Mainstream-Gags.

Stimmig muss das nicht sein. Die Figuren sind ohnehin nur Witzfiguren, ihre Neurosen, wie auch das »Chaos« der Familie, bloß behauptet. In Wahrheit geht bei Hoovers alles sicher seinen Gang, der Drogen-Opa ist ein Traum-Opa und der hassende Dwayne ein lieber Junge, der sich sofort bei allen entschuldigt, als ihm doch irgendwann ein (Schimpf-)Wort entfährt. Die Charaktere kennen keine Scham, kein Schuldgefühl, keine Angst, die sich nicht durch ein Wort beruhigen, keinen Frust, der sich nicht augenblicklich durch Handauflegen wegtrösten ließe. Gute Komödien lassen uns über die Unerlöstheit der Charaktere lachen, die auch die unsere ist. Schlechte Komödien müssen die Charaktere immerzu erlösen. Sie treiben ihre liebenswerten Verlierer erbarmungslos ins Glück (siehe auch Garden State oder Sideways ) und enden so im Kitsch. Ganz abraten vom Kinobesuch möchte man dennoch nicht. Die kleine Olive (Abigail Breslin) ist unglaublich süß. Und es ist anrührend, wie Dwayne in größter Verzweiflung sein Schweigen bricht. Man kann ja mit den Kindern in Little Miss Sunshine gehen und wie Dwayne vor der Reise auf einen Zettel schreiben: »Aber ich werde keinen Spaß haben.«

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