Es ist nun schon das vierte oder fünfte Beerdigungsunternehmen, das wir auf der Fahrt von Maseru hinaus in das Dorf des Königs sehen. Ein nagelneues Gebäude steht da am Straßenrand, die Wandfarben und die Aufschrift »Funeral Service« sind noch frisch. »Das ist die am schnellsten wachsende Industrie in Lesotho«, sagt Thabiso Motsusi. Er sagt es scherzhaft und lacht, weil er merkt, dass den Besucher ein Gefühl der Trostlosigkeit beschleicht. Wie könnte es an einem Tag wie diesem auch anders sein? Es ist ein düsterer Regentag, die Berge werden von tintenschwarzen Wolken verhüllt, kalte Windböen kündigen den Südwinter an. Am Rande der Stadt begegnet uns ein Leichenzug, wir passieren Friedhöfe mit frischen Gräbern, zählen die Institute, die das Geschäft mit dem Tod betreiben. Es sind die sichtbaren Zeichen einer Katastrophe, die über Lesotho hereingebrochen ist. Ein afrikanisches Kind trauert um seinen Vater. Er starb an Aids BILD

Das kleine Königtum in den südafrikanischen Drakensbergen gehört zu den Ländern mit den höchsten HIV-/Aids-Raten der Welt, jeder Dritte im ökonomisch aktivsten Alter zwischen 15 und 49 Jahren hat das Virus im Blut, die durchschnittliche Lebenserwartung ist nach Schätzungen von UNAids, der zuständigen Agentur der Vereinten Nationen, auf 38 Jahre gesunken – das dürfte dem Wert im europäischen Mittelalter entsprechen. Die niederschmetternden Statistiken haben in der Außenwelt den Eindruck verfestigt, Afrika würde sich in sein Schicksal fügen und hilflos zusehen, wie die Seuche seine Gesellschaften zerfrisst.

Der hoffnungslose Kontinent: Dieses zählebige Klischee ärgert einen Aktivisten wie Thabiso Motsusi. Er und sein Team widerlegen es jeden Tag. So wie an diesem trübseligen Morgen fahren sie seit Jahren von der Hauptstadt Maseru hinauf in die Bergdörfer, um die Menschen über Aids aufzuklären. Sie überwinden das Schweigen und Leugnen, sie verteilen guten Rat und Abertausende von Kondomen. Und sie setzen ein Medium ein, zu dem die wenigsten Menschen in den fernseh- und kinolosen Regionen Zugang haben: den Videofilm. Sesotho Media & Development, ihre 1999 vom südafrikanischen Dokumentarfilmer Don Edkins gegründete und von »Brot für die Welt« unterstützte Organisation, hat 150 Filme über politische, soziale und kulturelle Probleme im Archiv, wobei eine Produktion mit dem Titel Frag mich, ich bin positiv beim Publikum besonders beliebt ist. In diesem Film unter der Regie von Edkins’ Sohn Teboho spielen nämlich Thabiso und seine Freunde Thabo Rannana und Moalosi Thabane sich selbst: drei junge HIV-positive Männer, die freimütig, provokativ und humorvoll über ihre Krankheit reden.

Der König, ein Katholik, tadelt seine engstirnige Kirche

Heute sind sie zu fünft, Thabiso, Thabo, Moalosi, Malehloa und Mamolefe, und das Ziel ihrer Mobile Video Unit heißt Matsieng. Es ist das Heimatdorf des Königs. Rundhütten mit Reetdächern, saftige Viehweiden, der Palast des Monarchen unter steilen Felsabstürzen, von denen ein Wasserfall herunterrauscht – der Ort wirkt wie ein Idyll aus dem alten Afrika, wenn da nicht diese unheimliche Stille wäre. Nur ein paar Kinder und alte Leute sind auf den Beinen, und als die Filmvorführung im Gemeindehaus losgehen soll, ist nur ein Häuflein Neugieriger gekommen. »Heute finden gleich zwei Beerdigungen statt, und alle sind hingegangen«, entschuldigt sich der Dorfobmann. Wieder zwei Aids-Opfer, wieder zwei junge Leute, die die Seuche geholt hat. Aber das finden wir erst später heraus, der Obmann verschweigt es. Er schämt sich.

Zwei Stunden später sitzen dreißig Zuschauer in der zugigen Halle und verfolgen den Kurzfilm A Miner’s Tale. Es geht um Wanderarbeiter aus Lesotho, um Lohnsklaven, die in südafrikanischen Goldminen schuften und nicht nur Geld, sondern auch tödliche Viren heimbringen. Aber die Leute von Matsieng überzeugt diese Botschaft nicht. »Die Krankheit ist aus den reichen Ländern gekommen«, meint ein Greis, der sich in eine dicke Wolldecke gehüllt hat. »Sie ist in den Nahrungsmitteln, die die Weißen verteilen.« Eine Frau im roten Pullover glaubt, die SADC, die Wirtschaftsgemeinschaft des südlichen Afrika, habe das Unglück verursacht. Aids ist ein Fluch, man kann sich nicht erklären, warum das Immunschwächesyndrom gerade ihr winziges Land so schlimm heimsucht. Sekere wird es in der Sprache Sesotho genannt, eine Schere, die die Menschen wegschneidet, oder Kokonyana, das ist ein blutsaugendes Insekt. Ein Bauer erzählt, wie eine 15-jährige Aids-Waise in seinem Dorf terrorisiert wird. »Schweige. Oder wir schlagen dich tot!«, drohen die Verwandten. Unwissen, Furcht, Aberglaube, Stigmatisierung – im Halbdunkel der Halle entfaltet sich das ganze Panorama der Aids-Verwirrung. Die Aufklärer von Sesotho Media sind das gewohnt, sie argumentieren mit einfachen Worten und unerschütterlichem Gleichmut. Am Ende aber ist es ihre Wahrhaftigkeit, die die Zuhörer beeindruckt. »Schaut mich an«, ruft Moalosi, »ich bin seit vielen Jahren HIV-positiv, und trotzdem lebe ich noch! Wir sind nicht verloren.«

Moalosi lässt sich nicht anmerken, dass es ihm heute nicht so gut geht. Kurz vor der Abfahrt schüttelten ihn noch heftige Krämpfe, auf dem Weg hierher sprang er schnell in eine Apotheke, um sich Schmerzmittel zu holen. »Ich wäre längst bei den Ahnen, wenn ich die antiretroviralen Medikamente nicht hätte«, sagt er. Wer mit diesen teuren Arzneien behandelt wird, genießt in Lesotho ein großes Privileg; nur 8400 Patienten erhielten Ende 2005 die Anti-Aids-Therapie. Die Zahl der Infizierten, die sie dringend brauchten, bewegt sich rasch auf 100000 zu. »Da haben wir als armes Land enorme Lücken. Aber noch viel wichtiger ist die Prävention«, erklärt Malehloa.