Über das Kochen kann ich nur sagen, dass man, wenn man zu zweit kocht, auf klare Rollenverteilung und Hierarchie achten muss. Person A kocht und befiehlt. Person B gehorcht und schnipselt. Alles andere endet in Szenarien, wie wir sie aus Sabine Christiansen kennen. Wenn das Kochen beendet ist, kann die Hilfsperson zu der Kochperson sagen: »Hast wieder mal toll gekocht, wie machst du das immer?«, oder: »Schmeckt total scheiße«, beides bietet Ansatzpunkte für ein interessantes Gespräch. Wenn aber beide das Gericht in einem Diskussionsprozess gemeinsam hergestellt haben, sitzen sie sich hinterher schweigend gegenüber, und jede Person denkt: »Es könnte besser schmecken, wenn ich in dem Diskussionsprozess weniger nachgiebig gewesen wäre.«

Eines der wichtigsten deutschen Gerichte ist das Rindsgulasch. In der DDR gab es auffällig viele Intellektuelle, die den Beruf des Rinderzüchters erlernt hatten, zum Beispiel Gregor Gysi, der letzte DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel, der Lyriker André Schinkel, der Philosophieprofessor Michael Schumann oder Liedermacher Sven Banis, genannt »Der singende Rinderzüchter«. Ich habe ein Radiointerview mit einem Rinderzüchter gehört, welcher nach den Gründen für dieses Phänomen gefragt wurde. Er sagte, dass in der DDR vor dem Studium jeder einen Beruf lernen sollte, bei der Rinderzucht sei man »viel draußen« gewesen. Daraufhin habe ich die ADR besucht, die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rinderzüchter. Die ADR sitzt in Bonn, Adenauerallee. Sie gibt, wie früher die DDR, mehrere Zeitschriften heraus, zum Beispiel Fleckvieh , Braunvieh , Fleischrinder und Milchrind . Die Homepage der ADR bietet ihren Besuchern unter anderem eine »CowCam«, mit der man direkt in den Rinderstall der Familie Bäumler in Vohenstrauß hineinschauen kann. Außerdem gibt es dort die Hitparade der Stiere, also welche deutschen Stiere im jeweiligen Jahr am erfolgreichsten gewesen sind. Auf Platz eins liegt ein Individuum namens Laudan (56230 Kälber) vor Lexikon, der dritte heißt Ramos. Dass ein Stier namens Lexikon einen Stier namens Ramos in sexueller Hinsicht zu übertreffen vermag, beweist ein weiteres Mal, dass die Rinderzucht eine der wenigen intellektuellenfreundlichen Zonen der deutschen Gesellschaft darstellt.

Auf der Homepage steht, dass es, trotz Laudan, in der EU immer weniger Rinder gibt. 2003 gab es 87,5 Millionen, 2004 nur noch 86,4 Millionen, 2005 noch 85,8 Millionen. In Deutschland aber hat sich in nur einem halben Jahr, von Mai bis November 2005, die Rinderzahl um 1,8 Prozent verringert, wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird etwa 2035 das letzte Gulasch aus einem deutschen Rind zubereitet. Von wachsender Rinderlosigkeit in Deutschland zu sprechen ist nicht übertrieben, vielleicht sogar von Rinderfeindlichkeit. Auf jedes erwachsene deutsche Paar entfielen 2005, rein statistisch, nur noch 0,22 Rinder! Darüber aber steht, im Gegensatz zur Klimakatastrophe, zur Unterschicht oder zu Computerkillerspielen, nirgendwo eine Zeile, außer vielleicht in der Fleckvieh .

Lebenszeichen 2006: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - inzwischen chronologisch archiviert »