Wer die Firma Evotec in Hamburg-Stellingen besucht, der kommt gleich neben dem Empfang an einem halben Dutzend Mikroskope vorbei. Unser kleines Museum, sagt Geschäftsführer Carsten Claussen und zeigt stolz auf die Evo-Kiste, das älteste Exemplar aus dem Jahr 1995.Zwei Jahre zuvor hatten sich zwei Biotechniker auf die Suche nach Kapitalgebern gemacht, um die Entwicklung automatischer Mikroskope voranzutreiben.Sie gewannen zwei Hamburger Medizin-Professoren als Investoren, die sechs Millionen Euro aus ihrer Privatschatulle und aus Bankkrediten mitbrachten. Das gemeinsame Geschäftsziel: Sie wollten mit der modernen Technik das Verhalten von Molekülen untersuchen und damit Medikamente entwickeln. Ziemlich bald legte das Bundesforschungsministerium zwei Millionen Euro dazu und dann ging es bei Evotec richtig los.Die Erforschung neuer Wirkstoffe für Arzneien zur Bekämpfung von Erkrankungen des zentralen Nervensystems (wie Alzheimer oder Schlafstörungen) brachte dem jungen Unternehmen schnell Anerkennung.Ohne die öffentliche Spritze, versichert Claussen heute, hätte Evotec diesen speziellen Bereich nicht aufbauen können. Innovation ist zu einem Schlüsselbegriff in der Debatte um die Zukunft des Landes geworden. Nur durch Innovationen kann sich unser Land im weltweiten Wettbewerb behaupten, proklamierte Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende Oktober vor Vertretern der noch von ihrem Amtsvorgänger installierten Initiative Partner für Innovation.Die hatten 260 Millionen Euro für Start-ups aufgetrieben. Die Ministerien gehen mit beachtlicher Fantasie ans WerkRund 60 Milliarden Euro geben Staat und Wirtschaft jährlich für Forschung und Entwicklung aus.Eine Menge Geld und doch zu wenig. Die EU-Länder haben nämlich beschlossen, spätestens im Jahr 2010 drei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu stecken.Diesem Ziel war die Bundesrepublik Ende der achtziger Jahre ziemlich nahe, doch nach der Wiedervereinigung gings bergab.Heute schaffen Staat und Wirtschaft zusammen lediglich 2,5 Prozent. Zwei Drittel dieser Ausgaben für den Fortschritt stemmt die Wirtschaft allein.Das sind ganz überwiegend die Konzerne mit eigenen Forschungsabteilungen.Sie sind (neben Hochschulen und Forschungseinrichtungen) die vorrangigen Kunden des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), das ihnen im zu Ende gehenden Jahr immerhin rund 400 Millionen Euro zukommen lässt. Diese Subventionen sind natürlich willkommen, aber nicht entscheidend. So macht man bei der Siemens AG folgende Rechnung auf: Der Konzern gibt weltweit für Forschung gut fünf Milliarden Euro aus, rund die Hälfte davon in Deutschland - von diesen zweieinhalb Milliarden waren im vergangenen Jahr aber lediglich 17 Millionen Euro öffentliche Fördermittel. Rein finanziell sind staatliche Subventionen für uns ein unbedeutendes Thema, heißt es in der Münchner Zentrale. Dagegen sind die Kleinen darauf angewiesen, dass der Staat sich als Geburts- und Entwicklungshelfer betätigt.Sie können dabei auf Wirtschaftsminister Michael Glos setzen, der weiß: Es ist der forschende und innovative Mittelstand, der die Masse an zusätzlicher Beschäftigung am Standort Deutschland schafft.Er spendierte 2006 für diese Klientel 480 Millionen Euro, und das Echo aus dem Mittelstand zeigt: Die Tüftler, Erfinder und Erneuerer fühlen sich erstaunlich gut unterstützt. Über die neue Bundesregierung kann man sagen: Die machen Ernst, sagt Wolfgang Hergarten, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF).Die AiF steht für ein Innovationsnetzwerk, das etwa 50000 meist kleine und mittlere Unternehmen umfasst.AiF-Präsident Wilhelm Arntz: Für den Mittelstand sind die Rahmenbedingungen so günstig wie seit langem nicht. Die Ministerien gehen mit beachtlicher Fantasie ans Werk.Das Programm BioRegio ist ein Beispiel dafür, wie man mit relativ bescheidenen Summen eine ganze Menge bewegen kann.Am Anfang stand 1995 ein Wettbewerb, der den Wissenschaftsstandort Deutschland in der Biotechnologie aufwerten sollte.Zwei Jahre zuvor hatte die Bundesregierung das Gentechnik-Gesetz novelliert, um den deutschen Rückstand aufzuholen.Nicht einzelne Unternehmen sollten sich für das Preisgeld von insgesamt 90 Millionen Euro bewerben, sondern Wirtschaftsräume, in denen Forschungsinstitutionen, Hochschulen und Unternehmen jeglicher Größe gemeinsam eine Strategie formulierten. Es gingen 17 Bewerbungen ein, die Modellregionen Rheinland, München und Heidelberg machten das Rennen.Doch das war vor allem eine Initialzündung für eine viel breitere Wirkung.Zum einen, weil zum Startgeld aus der Staatskasse zehnmal mehr private Finanzierungsmittel kamen.Noch wichtiger: Alle Regionen, die sich am Wettbewerb beteiligten, blieben als Einheiten bestehen. Nur drei von ihnen waren Sieger, aber alle Gewinner - die 90 Millionen waren völlig nebensächlich, heißt es heute im Berliner Forschungsministerium. Die Bio-Region Hamburg (und mit ihr Evotec) landete auf dem undankbaren vierten Platz.Aber das war der Startschuss für die Entwicklung einer völlig neuen Branche in der Hansestadt, die bis dahin mit Bio-Innovationen wenig am Hut hatte. 1999 kam dann mit dem Wettbewerb BioProfile ein Nachschlag für alle, die beim ersten Anlauf noch nicht fit waren, wie ein Beamter berichtet.Wieder wurden drei Regionen ausgezeichnet.Heute gibt das Ministerium die Zahl der deutschen Bio-Regionen mit 25 an, die Za hl der jungen Unternehmen mit etwa 600 gegenüber rund 70 vor zehn Jahren. Der Bundeswirtschaftsminister hält ganz gut mit, wenn es um die Erhöhung der Innovationskompetenz mittelständischer Unternehmen geht.Das dafür aufgelegte Programm heißt ProInno, inzwischen in einer zweiten Version.Bedingungen: Die Entwicklung innovativer Produkte muss in Kooperation zwischen Unternehmen oder zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen stattfinden - erwünscht ist zudem der Austausch von kompetentem Personal.Außerdem müssen die Unternehmen die Projekte mindestens zur Hälfte aus der eigenen Tasche finanzieren. Von 1999 bis Ende 2005 wurden in zwei ProInno-Programmen über 7000 Klein- und Mittelbetriebe mit 853 Millionen Euro gefördert, drei Viertel davon hatte weniger als 50 Beschäftigte.Bemerkenswert auch dies: Seit etwa einem Jahr ist die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen mit der Abwicklung von ProInno betraut.AiF begutachtet Anträge, entscheidet über Förderwürdigkeit und begleitet die Projekte bis zum Verwendungsnachweis. Das Programm ist für den Mittelstand super geeignet, um etwas anzuschieben, versichert Ralf Kleinodt, und er spricht aus Erfahrung. Sein Unternehmen KD Elektroniksysteme in Zerbst (Sachsen-Anhalt) entwickelte zusammen mit der Partnerfirma ISLE im thüringischen Ilmenau den energiesparenden Dimmer für Straßenlampen.Je nach Tageszeit steigert oder reduziert ein elektronischer Regler die Helligkeit der Beleuchtung.Dabei lassen sich bestehende Anlagen einfach nachrüsten, die Lebensdauer der Lampen verlängert sich, Stromkosten sinken, die Wartung wird billiger.Je 125000 Euro Forschungsförderung erhielten die beiden Firmen vor zwei einhalb Jahren, inzwischen ging das Produkt in Serie. Das Interesse von Kommunen und Energieversorgern wie E.on und RWE ist gewaltig, erklärt Kleinodt und fügt hinzu: Mit den Anträgen war das alles relativ unkompliziert. Förderberater zeigen, wo etwas zu holen istNicht immer garantiert der Staatszuschuss eine Erfolgsgeschichte.Da ist etwa die C.A.Seydel Söhne GmbH, die älteste Mundharmonikafabrik der Welt.In Spitzenjahren verkaufte die Firma im sächsischen Klingenthal bis zu acht Millionen Instrumente in alle Welt.Nach der Wende kaufte die Gründerfamilie den Volkseigenen Betrieb zurück und besetzte Nischenmärkte.Etwa für Blues-Mundharmonikas mit besonderen Spieleigenschaften im Tieftonbereich.Ab 2001 konnten die Hersteller dank ProInno ho ch präzise Fertigungstechnologien wie das Wasserstrahl- und Laserschneiden nutzen.Doch im November 2004 war das Traditionshaus (My Sound My Seydel) zahlungsunfähig.Es wurde in letzter Minute gerettet und versucht seitdem mit einem guten Dut zend Mitarbeitern, an der Tradition anzuknüpfen. Solche Flops sind eher rar.Die Geldgeber lassen praktisch alle Förderprogramme evaluieren.So hat das Institut System- und Innovationsforschung der Fraunhofer-Gesellschaft seit ein paar Jahren ein wachsames Auge auf ProInno.Erfreuliche Erkenntnis: Ohne Hilfe vom Staat wären 70 Prozent der Projekte gar nicht angelaufen.Die gesetzten Ziele wurden meist in der vorgegebenen Zeit erreicht, viele Kooperationen blieben auch nach der Förderung bestehen.Generelles Urteil: spürbare Breitenwirkung u nd in hohem Maße erfolgreich. Lediglich bei der Markteinführung der neuen Produkte hapert es. Zur Wirksamkeit gehört auch die Frage nach der Transparenz der Programme und da gibt es Schwächen.Experten haben 140 von Bund und Ländern aufgelegte Technologieprogramme gezählt.Sie verstecken sich hinter allerlei wundersamen Kürzeln wie Exist, InnoNet, ZUTECH, BioProfile, SimoBIT, NEMO, INNO-WATT, FUTOUR, GO-Bio, InnoRegio. Heinrich Höfer, Innovationsexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), kritisiert die Unübersichtlichkeit: Ein Mittelständler hat etwas anderes zu tun, als die Förderlandschaft auszukundschaften.Mancher leistet sich deshalb neben dem Steuerberater einen Förderberater, der ihm zeigt, wo etwas zu holen ist.Auch BMBF-Staatssekretär Frieder Meyer-Krahmer sieht Reformbedarf: Wenn man ehrlich ist, muss man sagen, dass die Transparenz mangelhaft ist.Deshalb steht ganz oben auf der Agen da die Gestaltung eines transparenteren und einfacheren Fördersystems. Das Bio-Tech-Unternehmen Evotec im Schatten der Hamburger AOL-Arena beschäftigt mittlerweile 600 Mitarbeiter im In- und Ausland, kooperiert mit den großen Pharmakonzernen Europas und den USA.Tag für Tag werden vollautomatisch 100000 Messungen in winzigen Reagenzgläschen vorgenommen.Und allein im medizintechnischen Bereich wurden seit der Gründung mehr als 100 Patente angemeldet. Die vergangenen Monate waren reichlich bewegt.Die seit November 1999 notierte Aktie schnellte im Februar plötzlich um über 50 Prozent nach oben.Evotec hatte eine Lizenz für Substanzen erworben, die das Potenzial haben, den Verlauf von Alzheimer zu verlangsamen.Im Frühjahr verkaufte Evotec dann einen Teil seiner Technologiesparte mitsamt einem Paket Patente an einen japanischen Partner und forscht jetzt eng mit dem Schweizer Pharmariesen Roche.Die Aktie, bei Jahresbeginn noch bei 2,50 Euro, l iegt seit dem Sommer beständig über drei Euro. Und die Staatshilfe?Das ist so lange her, dass die meisten jungen Mitarbeiter wohl noch nie davon gehört haben.