Sarajevo

Wir Muslime brauchen einen starken Papst«, sagt der Großmufti und blinzelt listig. Der Mittfünfziger mit dem kurz rasierten weißen Bart, der da im vollen Habit des Reis-ul-Ulema (Führer der Gelehrten) auf einer prächtig geschnitzten Bank im Empfangsraum der Kaisermoschee von Sarajevo sitzt, hat sichtlich Freude daran, seinen Gesprächspartner immer wieder mit erstaunlichen Aussagen zu überrumpeln. Mustafa Ceric in seinem Amtssitz in Sarajevo BILD

»Benedikt«, erklärt der Mufti, »wollte in Regensburg den Glauben verteidigen – gegen die Anmaßungen der Vernunft und zugleich gegen die Herrschsucht der religiösen Fanatiker. Da sind wir uns mit ihm einig.« Der Papst habe sich bei seiner Regensburger Rede aber »zu defensiv, zu ängstlich« gegenüber dem Islam gezeigt: »Und ein ängstlicher Papst ist nicht gut für uns. Denn auch auf unserer Seite regiert die Angst, und das schafft eine explosive Situation.«

Der Großmufti von Bosnien und Herzegowina, er heißt mit bürgerlichem Namen Dr. Mustafa Ceric, will die Dynamik der Einschüchterung durchbrechen. Also hat er dem Papst nach der Regensburger Rede einen offenen Brief geschrieben – zusammen mit 37 weiteren hochrangigen islamischen Theologen aus aller Welt.

»Wer Freiheit und Demokratie angreift, greift auch mich an«

Der offene Brief hat einen neuen Ton im interreligiösen Dialog angeschlagen: ruhig, verbindlich, sachlich – ohne das präventive Beleidigtsein und willentliche Missverstehen, das die ersten Reaktionen vieler Muslime kennzeichnete. Der Großmufti gehört zu jenen auf islamischer Seite, die den Kampf der Kulturen entschärfen wollen, ohne sich dabei auf Wohlfühlrhetorik zu verlassen: »Wir Muslime befinden uns in einer der schlimmsten Krisen unserer Geschichte. Zusammen mit der Krise des Westens ergibt das eine sehr gefährliche Lage.«

Der Großmufti ist das geistige Oberhaupt der etwa zwei Millionen Muslime in Bosnien – und in deren Augen ein Held: Während der Belagerung Sarajevos zwischen Februar 1992 und April 1996 wurde Mustafa Ceric zum Symbol des bosnischen Widerstands gegen den serbischen Vernichtungswillen. »Wir haben überlebt und die Stadt wieder aufgebaut«, sagt er voller Stolz. »Doch der geistig-moralische Wiederaufbau steht uns noch bevor.«