Hochhäuser sprengen – kleine Sache! Da reicht ein normaler Sprengschein. Lawinen sprengen: schon besser. Da braucht man den Lawinensprengschein. Die hohe Schule aber ist der Lawinensprengschein Hubschrauber. Sehr speziell! Alban Scheiber hat sie alle. BILD

Alban Scheiber ist nicht leicht zu fassen. Er ist 39 und sieht wie ein fescher Skilehrer aus (was er auch ist). Er ist einer der 16 »Eingeborenen« von Hochgurgl oben im österreichischen Ötztal und dort zusammen mit seinem Zwillingsbruder eine Art Patron. Ihnen gehören ein Hotel, die Skianlagen, Restaurants, eine Skischule. Das honorigste Amt aber ist die Mitgliedschaft in der Lawinenkommission. Diese besteht aus Experten, die früh aus dem Bett müssen. Computer an, www.lawine.at checken, Winddaten von den örtlichen Messstationen einholen, warm anziehen und los. Zu den Hängen.

Ein Kandidat liegt hoch oben, direkt unter dem Wurmkogl, auf fast 3000 Meter Höhe. Blickt man hoch, fällt ein avantgardistisches Glashaus auf, das soeben eröffnete Top Mountain Star, eine Bar mit umwerfendem Ausblick gen Südtirol und die Dolomiten. Dort endet eine Sesselbahn und beginnt eine atemberaubende schwarze Piste. Die führt knapp an diesem »lawinösen« Südhang vorbei. Ein paar Sonnentage, die dem Schnee einen Schmelzharschdeckel aufgesetzt haben, dann Neuschnee und ordentlich Nordwind – und eine Lawine droht.

Scheiber kommt dann, lange vor den Skiläufern, herangeknattert. Mit einem Motorschlitten oder in einer Pistenraupe. Prüft die Schneedecke. Entdeckt die verharschte Gleitschicht, auf der der Neuschnee ins Rutschen kommen kann. Und stapft zu einer kleinen manuellen Seilbahn, die bis zum Grat hoch reicht. Er hängt ein schwarzes Päckchen dran und zündet eine lange Lunte. Dann wird gekurbelt. Kurz unter dem Grat macht es krawumm, und durch die Druckwelle setzt sich die Lawine in Bewegung. Oder auch nicht. Kommt der Schnee nicht ins Rutschen, lässt Scheiber es zur Sicherheit noch mal krachen. Dann gilt der Hang als sicher. Die vergangene Saison war schneereich. »Der Schneedeckenaufbau war schlecht. So schlimm wie noch nie.« Da mussten sie alle zehn Kandidaten mindestens einmal die Woche absprengen. Das bedeutete bis zu zwanzig Detonationen am frühen Morgen. Immerhin geht man so auf Nummer sicher. Der Experte muss lange nachdenken, bis ihm das letzte Lawinenopfer in den Sinn kommt: »Das ist hier in Hochgurgl 15 bis 20 Jahre her. In der Region vielleicht 4 Jahre.«

Das Sprengseilbahnverfahren hält Scheiber für ideal. Wenn man richtig gerechnet hat – ein Meter Zündschnur brennt in zwei Minuten und zwanzig Sekunden ab, fünf bis sechs Minuten lang wird gekurbelt – dann entfaltet die Explosion ein paar Meter über der Schneedecke die optimale Wirkung. In anderen Skigebieten wird mit fest installierten Gaskanonen gesprengt. Doch dafür ist das Gelände hier zu unwegsam. Ganz problematische Hänge werden mittels des Obergurgler Rettungshubschraubers angeflogen. An Bord zündet man die Ladung, schmeißt sie in den Schnee und macht, dass man wegkommt. Geht auch, ist aber weniger effektiv.

Gefressen hat Alban Scheiber die »Unbelehrbaren«. Leute, die unter Absperrseilen durchkriechen und über Fangzäune klettern. Rein in den Tiefschnee. Ohne zu ahnen, dass man schon mit 80 Kilo Körpergewicht – besonders am Rand eines Hanges, wo man auf die Gleitschicht trifft – Fatales bewirken kann. Er hält es sogar für möglich, dass es manche drauf anlegen. Wie Geisterfahrer. Einmal im Leben eine große Wirkung haben. Auch für solche Vögel steht Scheiber morgens um sechs auf.
Burkhard Strassmann

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