Was kostet Schnee? Herr Winkler holt den Taschenrechner raus. 560000 Kubikmeter Wasser letzte Saison. Mal Kubikmeterpreis. Mal einem Faktor für Energie und Personal. Macht rund 2,3 Millionen Euro Kosten für die Arlberger Bergbahnen AG in St. Anton in Tirol. Über die Vorstellung, dass Schnee vom Himmel fällt, kann der Mann nur milde lächeln. BILD

Leitzentrale Schneeanlage. Über Funk oder Erdkabel werden von hier aus die Schneekanonen der umliegenden Pisten gesteuert. Rudolf Winkler, Blaumann, Fleecepullover, Bergstiefel, ist Schneekanonier. Der 44-Jährige lässt es seit zweiundzwanzig Jahren schneien, seit neun Jahren darf er sich Schneimeister nennen. Wenn Frau Holle versagt, und das ist in Zeiten des »Global Warming« nicht die Ausnahme, sondern die Regel, springt er ein. Und mehr als das: Da eine Skisaison heute am 1. Dezember anfangen muss, weil sonst der Skitourismus leidet, macht der Herr Holle von St. Anton schon seine Schneekanonen klar, wenn noch niemand ernsthaft ans Skifahren denkt. Wochen vor dem Saisonstart pusten seine Maschinen Kunstschnee auf die Pisten. Bis zu zwei Millimeter weiße Pracht pro Stunde, 40 Zentimeter insgesamt – das ist die so genannte Grundbeschneiung. Legt Frau Holle dann noch was obendrauf: gut. Wenn nicht, auch nicht schlimm. Letzte Saison sind sie von Ende November bis Mitte Januar »durchgefahren«. Dann kam von oben jede Menge Naturschnee. »Da haben wir alles eingestellt. Und gewartet, bis wieder besseres Wetter war.« So einer ist Rudolf Winkler: Echter Schnee stört nur.

Winkler kennt den Kunstschnee wie kein Zweiter. Mit seinen Kanonen, die Snowstar heißen und, wenn sie in der Nähe von Häusern schießen, den Zusatz »silent« tragen, mixt er Schnee unterschiedlicher Qualität. Direkt auf die grüne Wiese gehört eine Art Schneematsch: nasser Schnee, der gut am Untergrund haftet und Regen vertragen kann. Obendrauf kommt der Pulverschnee. Vor Ort, an der Kanone, demonstriert der Schneimeister, was alles zu seinem Job gehört: Installation, Elektrik und Meteorologie. Er hangelt sich in einen Erdschacht und schließt eine Art Feuerwehrschlauch an. Er schaltet den Strom ein. Und setzt die Maschine in Gang. Ein Blick auf das Messinstrument, und seine Miene verfinstert sich. Plus zwei Grad – das wird wohl nichts.

Auch Herr Holle kann nicht zaubern. Die Kanone bläst aus Hunderten von Düsen feinste Wassertröpfchen in die Luft, gemischt mit dickeren »Kristallisationskeimen«, und im Flug durch die kalte Luft wachsen feine Schneekristalle heran. Damit das klappt, braucht man allerdings minus 3 Grad Celsius Lufttemperatur. Bei trockener Luft wenigstens minus 0,5 Grad. Dieser November ist vertrackt, es ist schlicht zu warm. Winklers Schneekanone produziert nur Nieselregen. Der Saisonstart ist in Gefahr! Im Dezember grüne Pisten – schlimmer geht es nicht. Immerhin: Winkler wirkt darum noch ganz ausgeschlafen. Wenn er es endlich schneien lassen kann, ist Zweischichtbetrieb rund um die Uhr angesagt. Schneekanonen je nach Wind ausrichten; Schneequalität prüfen; defekte Wasserschläuche auswechseln. Kompressoren mit Öl versorgen, Düsen enteisen, defekte Messeinrichtungen ersetzen. Zu jeder Tageszeit, bei jedem Wetter. Und wenn man nicht aufpasst, begräbt sich die Kanone selbst unter Schnee.

Eine Atempause bringen erst Januar, Februar: Naturschneezeit. Dann kann Rudolf Winkler die Maschinen noch mal richtig fit machen für den letzten Großeinsatz, das Powerschneien im März. Mit diesem Trick umgeht man die Naturschutzbestimmung, die zur Schonung von Flora und Fauna Kunstschnee im April untersagt. Beschneit der Schneemeister den ganzen März lang aus vollen Kanonenrohren und legt allerorten dicke Schneedepots an, hat St. Anton einen ganzen Monat Saison gewonnen. Wunschgemäß liegt dann auf den Pisten Schnee bis zu den Osterferien.
Burkhard Strassmann

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