Als Thomas Middelhoff begann, als Vorstandsvorsitzender bei KarstadtQuelle die Strippen zu ziehen, gab er ein Versprechen ab: Er werde den Konzern nicht zerschlagen.Das war vor eineinhalb Jahren. Und seitdem? Der Handelskonzern aus Essen ist erst einmal gerettet.Keine Spur mehr von der damals drohenden Insolvenz.Dennoch wurde KarstadtQuelle in der bisherigen Ära Middelhoff weitgehend filetiert: Zahlreiche kleinere Warenhäuser, Fachgeschäfte, Immobilien alles musste raus. Als Nächstes hat sich der Vorstand die Marke Neckermann vorgenommen. Die Versandhandelstochter wird 2007 an die Börse gebracht - alternativ dazu werde auch ein Verkauf geprüft, heißt es im Konzern. 14 Call-Center, fünf Logistikstandorte und IT-Dienstleister mit insgesamt 10000 Beschäftigten sollen ebenfalls veräußert oder mit einem Partner entwickelt werden. Die Versandhandelssparte des Konzerns liefert regelmäßig rote Zahlen, allein 61,4 Millionen Euro waren es im dritten Quartal dieses Jahres. Während die rund zwei Dutzend Spezialversender profitabel sind, sorgen vor allem Quelle und Neckermann mit ihrem breiten Sortiment für Probleme.Das klassische Geschäft mit wenigen dicken Katalogen pro Jahr funktioniert nicht mehr.Rechnerisch hat jeder deutsche Haushalt pro Jahr 4500 Seiten bedrucktes DIN-A4-Papier von KarstadtQuelle erhalten, hat das Unternehmen ermittelt, Streuverluste inklusive. Künftig soll es etwa 200 Seiten starke Kataloge geben, die besser auf die jeweilige Kundschaft zugeschnitten sind, dafür aber monatlich verschickt werden. Mehrfach hatte KarstadtQuelle bereits versucht, die beiden sich stark ähnelnden Katalogversender Quelle und Neckermann voneinander abzugrenzen, was jedoch nie gelang.Mittlerweile bemüht sich der Konzern um gute Nachrichten - so soll etwa der November ein toller Monat gewesen sein.Nachdem im September jedoch die Zahlen von Neckermann dermaßen schlecht waren, wie man es nie erwartet hatte, fasste der Konzern den drastischen Schluss, sich von Neckermann zu trennen. Doch die Probleme sind damit nicht gelöst.Der im Konzern verbleibende Versender Quelle ist eine Baustelle, um die sich nun in erster Linie Marc Sommer kümmern muss.Er ist im Konzernvorstand für den Versandhandel zuständig und hat für die Sanierung von seinen Kollegen gerade eine Fristverlängerung bekommen.Die Zielrendite von sechs Prozent sollte ursprünglich 2008 erreicht werden, jetzt hat er angeblich bis Mitte 2010 Zeit. Die Wende soll eine Konzentration auf elektronische Vertriebswege bringen.Quelle werde unter anderem in das weiter wachsende Teleshopping einsteigen, ließ der Konzern wissen.Es wäre eine Art Wiedereintritt in kürzlich verlassene Geschäftsbereiche.Erst im Februar vergangenen Jahres trennte man sich von der Beteiligung am TV-Sender Home Shopping Europe. Auch der Handel übers Internet wird massiv ausgebaut.Bei Neckermann ist das Management schon weiter als bei Quelle.In den vergangenen Wochen erreichte der Anteil des E-Commerce am Umsatz bei Neckermann erstmals die Marke von 50 Prozent, und unter diesen Wert wird er bis zum Jahresende nicht mehr sinken.Für 2007 erwartet der Vorstand angeblich sogar einen Anstieg auf 70 Prozent. Quelle soll eines Tages auch solche Zahlen erreichen.Dazu dürfte der Vertrieb von Elektrogeräten wie Fernsehern, Unterhaltungselektronik, Waschmaschinen und Kühltruhen vom nächsten Jahr an schrittweise komplett auf das Internet verlagert werden.Derartige Produkte dürften also bald schon in keinem gedruckten Katalog mehr zu finden sein. Damit reagiert KarstadtQuelle auf den Druck durch Anbieter wie Media Markt, Saturn oder ElectronicPartner, die so schnell und oft die Preise verändern, dass ein monatelang gültiger Katalog nie konkurrenzfähig wäre. Quelle steht ein Kulturschock bevor.Seit Jahrzehnten wurde der Versender in einer gemächlichen Tradition geführt und wenn es in der Vergangenheit Probleme gab, wurde erst einmal gespart.Auch die blauen Pakete, in denen Quelle seine Lieferungen verschickte, wurden aus Kostengründen durch graubraune ersetzt, die aussehen wie jede x-beliebige Sendung. 120000 Euro Einsparungen brachte die Aktion, die im Gegenzug ein sichtbares Markenzeichen zerstörte. Das Warenwirtschaftssystem von Quelle sei noch immer vom Gedanken geprägt, dass jedes Produkt lieferbar sei, wenn die Kunden nur lange genug warteten, heißt es aus Unternehmenskreisen.Doch in Zeiten des Internet-Einkaufs wollen die Kunden sofort erkennen, ob die von ihnen bestellte Digitalkamera auch innerhalb von 24 Stunden ausgeliefert wird.Produkte, die ausverkauft sind, sollen nach dem Willen des Vorstands am besten gar nicht mehr im Internet-Angebot von Quelle erscheinen.Aber das mu ss technisch erst einmal umgesetzt werden. Wie schnell sich das Unternehmen Quelle wandelt, wird sich zeigen.1999 fusionierte der Versandhändler mit dem Kaufhauskonzern, doch so richtig vollzogen wurde der Zusammenschluss bis heute nicht.Am wenigsten mental.Was man vielleicht daran erkennen kann, dass an der Konzernzentrale in Essen bis heute nur der Name Karstadt in grauen Stein gehauen an der Einfahrt steht.Immerhin wurden etwas weiter hinten während der Ära Middelhoff also mehr als sechs Jahre nach der Fusion ein paar leuchtend graue Würfel ins Fenster gestellt, auf denen der korrekte Name steht. Die vielleicht konstanteste Verbindung zwischen beiden Konzernteilen ist immer noch Madeleine Schickedanz, Erbin des Quelle-Gründers und heutige Großaktionärin des Konzerns.Ihre Familie hält 58 Prozent der Aktien, sie selbst hievte Middelhoff angeblich auf den Chefposten. Wie erfolgreich der Vorstand um Middelhoff mit seiner Strategie sein wird, ist schwer zu sagen.Kaum jemand hat dem Vorsitzenden geglaubt, dass sich die einst maroden Warenhäuser je wieder berappeln würden. Auch die erdrückenden Bankschulden wurde KarstadtQuelle durch einen Middelhoff-Deal los, und das war die eigentliche Rettungsaktion. Middelhoff verkaufte die Konzernimmobilien an die Gesellschaft Highstreet Holding, die zu 51 Prozent der Investmentbank Goldman Sachs und zu 49 Prozent KarstadtQuelle selbst gehört.Später sollen sie weiterveräußert werden. 3,7 Milliarden Euro des Kaufpreises flossen KarstadtQuelle zu, fast vollständig finanziert von Banken.Folge des Geschäfts: Die Schulden tauchen nun nicht mehr in den Büchern des Konzerns auf. Middelhoff will erst gehen, wenn die Sanierung endgültig abgeschlossen ist.Dann wird KarstadtQuelle nicht mehr sein, was es früher war. Nicht einmal mehr im Namen.Bei der Hauptversammlung im Mai nächsten Jahres wird er einen neuen Namen für den Konzern zur Abstimmung stellen.Sollte es später doch noch einmal Probleme bei der Tochter Karstadt geben, würden diese in der Wahrnehmung des Marktes über den Doppelnamen sofort auf Quelle durchschlagen und umgekehrt.Das will man auf jeden Fall vermeiden, auch wenn man es nicht erwartet.Aber sicher ist sicher.