Auf heiligem Boden mangelt es an Parkplätzen.Die Autos der päpstlichen Bediensteten drängen sich dicht im Schatten von Petersdom und Sixtinischer Kapelle.Deshalb begann man im Dezember 2002 mit dem Bau eines Parkhauses im Nordosten des Vatikans. Da war ich natürlich sofort zur Stelle, sagt Giandomenico Spinola wie selbstverständlich als sei er, der Leiter der Abteilung für klassische Antike in den Vatikanischen Museen, an den aktuellen Parkplatzproblemen interessiert.Tatsächlich aber geht es ihm um die ferne Vergangenheit: um die Toten von der Via Triumphalis. Vor 2000 Jahren wurde der Vatikanhügel damals eine ziemlich unbedeutende Erhebung außerhalb der Stadt von zwei Straßen gestreift: Die Via Cornelia führte in Richtung Nordwesten nach Cerveteri, die Via Triumphalis ins nördlich gelegene Veio.Entlang der Straßen wurden Friedhöfe angelegt.Keine umfriedeten Gottesäcker, wie man sie von heutigen Kirchen kennt, sondern ausgedehnte Totenstädte auf Terrassen an den Hängen des Hügels.Wegen der Gefahr von Seuchen durften nur ausgewählte Würdenträger in nerhalb Roms beigesetzt werden. Normalsterbliche wurden ausquartiert. Das Totenreich unter den Füßen des Papstes kam stückweise ans Licht. Immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten waren Bauarbeiter auf Flecken des antiken Friedhofs gestoßen, das letzte Mal vor sechs Jahren. Ein Kardinal, der damals für öffentliche Bauten zuständig war, wollte den Fund gleich wieder zuschütten, weil er ihn für unbedeutend hielt, erzählt der Archäologe Spinola. Erst als er hörte, dass wir nicht nur heidnische Gräber, sondern vielleicht auch ein christliches gefunden hatten, gab er uns plötzlich seinen Segen. Wir machen uns auf zu jenem Grab, das den Kardinal bekehrte zu zweit auf einem Moped.Haarscharf umkurven wir Sicherheitsbeamte, brettern vorbei an der päpstlichen Post und dem städtischen Supermarkt durch die schmalen Gassen.Ein letzter Schlenker nach links, dann sind wir angekommen am Parkplatz Santa Rosa.Statt einer Totenstadt sieht man zunächst nur eine Betonwüste.Die Autos haben das Erdgeschoss erobert, den Toten aber ist die Unterwelt geblieben.Ein paar Stufen und eine schwere Metallt ür trennen uns von ihrem Reich.Spinola drückt sie auf: Willkommen im Jenseits! Mehr als 300 Jahre lang, vom Ende des 1.Jahrhunderts vor Christus bis zum Beginn des 4.Jahrhunderts nach Christus, war der Friedhof in der Via Triumphalis in Betrieb.Vor allem Sklaven und Freigelassene wurden hier beigesetzt.Inschriften identifizieren die Toten.Da liest man von Gratus, dem Wächter des Heiligen Waldes in Trastevere, und von Artoria Prima, der Frau von Reiter Clemens, der bei den Wagenrennen im Circus Maximus die Pferde der venezianischen Mannschaft ans pornte, indem er neben ihnen hergaloppierte - von Alcimus, dem Baumeister des größten Theaters von Rom, und von Tiberius Claudius Optatus, dem Privatarchivar Neros. Ob Marmor- oder Holzurne hing von Geschmack und Geldbeutel abMehr als 200 Einzelgräber und an die 40 Totenhäuser haben die Archäologen freigelegt und jetzt für Besucher geöffnet.Das 500 Quadratmeter große Areal ist mit einem Steg aus Metallgittern überspannt.So kann man über den Friedhof laufen, ohne auf den T oten herumzutrampeln. Links vom Eingang liegt der älteste Teil der Nekropole: ein Urnenfeld aus dem 1.Jahrhundert nach Christus. Damals war es chic, die Toten zu verbrennen, sagt Spinola.Wahrscheinlich befand sich in der Nähe ein Leichenverbrennungsplatz, ein so genanntes ustrinum.Dort wurden die Toten auf Holzhaufen gebettet und eingeäschert.Während die großen Arm-, Bein- und Hüftknochen in Gemeinschaftsgruben landeten, wurden die kleinen Wirbel, Hand- und Fußknochen sowie Teile des Schädels gemeinsam mit der Asche auf den Friedhof gebracht.Je nach Geschmack und Geldbeutel waren die Urnen aus Marmor, Terrakotta, Hol z, Glas oder Weidenrute.Wer es sich leisten konnte, deponierte sie in hüfthohen Altären oder in den Nischen der Totenhäuser. Das Jenseits war für die Seelen alles andere als paradiesisch.Trist und dunkel stellten sich die Römer die Unterwelt vor, bewacht vom dreiköpfigen Höllenhund Cerberus.Vom Fährmann Charon über den Grenzfluss Styx gebracht, streiften die Toten im Hades als Schatten umher.Immerhin blieb ihnen sporadischer Kontakt mit dem Diesseits: wenn ein Wanderer auf dem Friedhof Rast machte, auf den Grabsteinen die Namen der Toten las und so ihre Geister rief.Wenn jemand Blumen niederlegte, ätherische Öle verbr annte, Lichter ansteckte und auf diese Weise ihrer gedachte.Wenn Freunde und Verwandte kamen, an den Gräbern picknickten und auch den Toten etwas von den irdischen Genüssen abgaben. Über Amphorenhälse, die ins Grab führten, wurden die Seelen mehrmals jährlich, etwa an Festtagen und an ihrem Geburtstag, mit Milch und Honig gefüttert, sagt Spinola und deutet auf Tonzylinder, die aus der Erde ragen. Einige jedoch missbrauchten den direkten Draht ins Jenseits.Sie steckten den Toten dünne Bleiblättchen zu, auf denen Nachrichten für den Gott der Unterwelt eingeritzt waren.Dabei handelte es sich nicht etwa um Grüße an verstorbene Verwandte, sondern um Verwünschungen noch lebender Feinde, des verhassten Parteibonzen etwa oder des Nebenbuhlers.Die Toten der eigenen Familie wollte man für solch niederträchtige Botendienste freilich nicht missbrauchen und steckte die Botschaften lieber in fremde Gr äber.Doch das war nicht immer einfach.Zum Schutz wurden in viele Amphorenöffnungen Tonfilter eingebaut, die zwar Flüssignahrung, nicht aber bleierne Flüche durchließen. Von der Genossenschaftsgruft bis zur Luxussuite war alles im AngebotSpinola drängt zum jüngeren Teil des Friedhofs.Weit müssen wir dafür nicht gehen, denn die Gräber der einzelnen Epochen sind mitunter nur wenige Meter voneinander entfernt, manchmal liegen sie fast übereinander. Eine Mure verschüttete das Urnenfeld um 150 nach Christus.Danach wurden neue Gräber einfach über den alten angelegt, sagt Spinola.Mit der Mure kam eine neue Bestattungsmode.Statt Einäscherung war plötzlich Ganzkörperbestattung angesagt.Die Leichen wurden in Säcke eingeschnürt oder in Holzkisten gebettet und im Boden begraben.Heute liegen die blanken Skelette auf der Erde.Einem Mann steckt noch der Ehering am Finger, ein einjähriges Kind hält ein Ei in seiner rechten Hand wohl das Symbol für e in neues Leben. Wer nicht in den Untergrund wollte, konnte in einem der Totenhäuser seine letzte Ruhe finden.Die gab es in verschiedenen Größen von der Vier-Mann-Stube bis zum generationsübergreifenden Familiensitz und in verschiedenen Ausstattungen von der Genossenschaftsgruft mit Stockbetten bis zur Luxussuite mit Wand fresken, Stuckdekorationen und Mosaikböden.Im prächtigsten Totenhaus ist ein betrunkener Dionysos, der sich auf einen lüsternen Satyr stützt, mit Steinchen auf den Boden gezeich net.Um den Weingott herum schwirren Putten, die Traubensaft keltern. Im Totenhaus des Dionysos waren einst fünf Sarkophage aus Marmor untergebracht.Einer gehörte Publius Cesilius Victorinis, 17 Jahre, 5 Monate und 27 Tage alt, so steht es in Stein gemeißelt.Als eques, freier Bürger aus dem Ritterstand, zählt er zu den illustren Gästen der Via Triumphalis.Doch nicht nur das zeichnet ihn aus.Publius könnte ein Christ gewesen sein, darauf deutet das Relief auf seinem Sarkophag hin.Auf der linken Seite ist eine Frau dargestellt, die ihre Hände betend zum Himmel strec kt, was als Symbol des Glaubens, als betende Seele gedeutet wird.Auf der rechten Seite steht ein Mann mit einer Schriftenrolle unter dem Arm.Die Bibel? Diese Symbole kommen in der späteren christlichen Ikonografie sehr häufig vor, sagt Spinola. Gegen Ende des 3.Jahrhunderts allerdings war es noch nicht ratsam, sich als Christ zu outen.Jahrhundertelang wurden Jesu Jünger verfolgt, weil sie dem Kaiser partout nicht als Gottkönig huldigen wollten.Erst Kaiser Konstantin, selbst glühender Christ, verordnete 313 nach Christus Religionsfreiheit.Er war es auch, der den Friedhof in der Via Triumphalis wenige Jahre später schließen ließ.Über dem Grab des Apostels Paulus, das nicht weit entfernt lag, wurde eine Kirche errichtet.Der Vat ikan wurde zum Wallfahrtsort.