Eigentlich erstaunlich, dass der Besuch des Papstes in der Türkei ein Weltereignis ist.Tausende Male wurde seit dem 11.September 2001 beteuert, zwischen dem Westen und dem Islam finde kein Religionskrieg statt.Das christliche Amerika will keinen Kreuzzug führen - Europa will nicht mehr christlich sein, wie der Vatikan gerade bei seinem gescheiterten Kampf für einen Gottesbezug im Entwurf der EU-Verfassung erfahren musste.Es ist Jahrhunderte her, dass Päpste für das Abendland sprechen k onnten.Aber Benedikt XVI. und seine Aufnahme in der Türkei werden beobachtet, als sei daran der Stand des clash of civilizations abzulesen.Es war Erleichterung spürbar über die relativ entspannte Stimmung in Ankara.Noch nie hatte der Papst sich s o freundlich über einen EU-Beitritt der Türkei geäußert.Noch nie war er der Aussage so nahe gekommen, dass Christen und Muslime an denselben Gott glauben. Natürlich ist dies eine Zeit des globalen Religions- und Weltanschauungskonflikts, und für die Religion wie für die Globalisierung ist das Papsttum ein Nervenzentrum.Die katholische Kirche ist eine seit Urzeiten internationale Institution, Länder- und Sprachgrenzen überschreitend, auch Kulturgrenzen.Ein Papst aus Deutschland, der in Rom residiert, repräsentiert die Gläubigen in der Türkei, in den arabischen Ländern, in Asien, Afrika und Amerika.Der katholische Organismus hat überall seine Se nsoren, ist auch überall verletzlich.Nach dem islamkritischen Regensburger Vortrag Benedikts XVI. wurden im Nahen Osten Kirchen attackiert, in Pakistan brannten Papstpuppen, und in Somalia wurde eine Nonne ermordet. Das Gefühl, dass es im Augenblick auf den Papst besonders ankommt, auch politisch, hat mit der akuten Schwäche der Staatsmänner in Europa und in den USA zu tun.Man sucht geradezu verzweifelt nach einem anderen Gesicht und einer anderen Führungsautorität des Westens als Präsident Bush.Auch deshalb steht Benedikt XVI. auf einmal als Stellvertreter des Abendlands im Rampenlicht.Aber die Kirche ist nicht westlich, sie ist, ihrem Anspruch nach, universal. In Deutschland war es beim Weltjugendtag im Sommer 2005 zu sehen die Fahnen aus aller Herren Länder, die verschiedenen Hautfarben, die keineswegs uniformen Frömmigkeitstemperamente zwischen Osnabrück und Kinshasa.Die Globalisierung à la Katholizismus ist keine McDonalds-hafte Einheitszivilisation, und politisch liegt sie in der Regel nicht auf einer Linie mit den Vereinigten Staaten.Sie ist Dritte-Welt- und UN-freundlich, kapitalismuskritisch und tendenziell pazifistisch, und in der Nahostpoliti k hat sie traditionell eine proarabische Schlagseite.Der kirchliche Widerstand gegen Ehescheidung, Abtreibung und Homosexualität entspricht dem konservativen Geschmack auch in anderen Religionen und Kulturen.Mit seinen Betrachtungen über das Verhältn is von Islam und Gewalt hat Benedikt XVI. die Muslime verärgert und verletzt, aber in vielerlei Hinsicht dürften sie keine freundlichere Spielart von Westlichkeit finden als die Weltsicht des Heiligen Stuhls. Joseph Ratzinger mag sich manchmal fragen, wie er in dieses weltpolitische Abenteuer hineingeraten ist.Er hat es von seinem Vorgänger geerbt, wahrscheinlich ist ihm das ganze Gewicht der Hinterlassenschaft erst durch den Aufschrei nach seiner Regensburger Vorlesung und durch die Türkei-Reise bewusst geworden.Das moderne Papsttum als globale politische und moralische Instanz ist eine Schöpfung Johannes Pauls II.Es ist entstanden mit seiner historischen Rolle als Gegenspieler des Kom munismus, mit seinem startauglichen Charisma in der Mediengesellschaft, mit seinen großen interreligiösen Gesten wie dem ersten päpstlichen Besuch in einer Synagoge und in einer Moschee, mit seinem Protest gegen den Irak-Krieg.Karol Wojtya war der Außenpolitiker der Kirche Benedikt XVI. sollte eigentlich ein Innenpolitiker werden.Weniger Aktionen, weniger Symbolik, weniger Fernsehen, mehr geduldige Arbeit mit den Bischöfen, Priestern und Gläubigen. Nicht, dass Ratzinger an der Gegenwart desinteressiert wäre.Aber seine Politik ist von Hause aus Zeit- und Kulturkritik, die Auseinandersetzung mit der inneren Krise des Westens, mit der Diktatur des Relativismus, mit einem Europa, das seine christlichen Wurzeln kappt.Was ihn an den Weltreligionen beschäftigte, war vor allem die asiatische Frömmigkeit, die ohne persönlichen Schöpfer und Erlöser auskommt und in der er eine Versuchung für den zugleich gottesmüden und transzendenzsüchti gen Menschen der westlichen Moderne sieht.Der Islam kam in den Gedanken des Kardinals Ratzinger nur sehr am Rande vor, als eine geistig weniger herausfordernde und eher politisch beachtliche Größe. Jetzt, als Papst, hat ihn die Wirklichkeit des beginnenden 21. Jahrhunderts eingeholt und die Wirklichkeit seines von Johannes Paul II. geprägten Amtes.Auch für die Kirche gibt es keine Innen- ohne Außenpolitik mehr.Sowenig die westliche Diplomatie sich bloß um Europa und Amerika kümmern kann, so wenig kann die katholische Haltung zur Gegenwart bloß (Selbst-) Kritik des Westens sein.Das Publikum des Papstes sitzt unweigerlich auch bei al-Dschasira.Er muss Politiker sein, ob er es will oder nicht, vor den Augen einer globalen Öffentlichkeit.Wenn unser Verhäl tnis zum Islam ein Hauptthema dieser Jahre ist, dann drückt es auch dem Pontifikat Benedikts XVI. seinen Stempel auf. Beliebt, teilweise sogar geliebt, wie Johannes Paul II. es war, wird Benedikt XVI. in der muslimischen Welt nicht mehr werden.Seine Frage nach dem Ethos und letztlich nach der Wahrheit der Religionen hat an ein Tabu gerührt, das die interkulturellen Friedensgesten und Friedensbegegnungen der Wojtya-Zeit stets respektiert hatten.Da ging es um Versöhnung und Brüderlichkeit, der Intellektuellenpapst Ratzinger will über die Kernprobleme reden.Es steckt eine Gefahr darin, dass politische Konflikte zw ischen dem Westen und dem Orient auf eine Weltanschauungsebene geschoben werden, wo sie unlösbar sind. Über den Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Irak kann man immerhin verhandeln.Aber darüber, ob das Christentum oder der Islam die bessere, richtigere Religion ist? Doch eine Chance liegt darin auch.Benedikt XVI. mit seiner unbeirrten Frage nach dem Guten und Wahren bietet dem Islam (und vielleicht der ganzen nichtwestlichen Welt) ein Gespräch an, in dem nicht Macht die entscheidende Währung ist, nicht wirtschaftlicher Erfolg, technologischer Fortschritt oder militärische Schlagkraft, keine der Künste also, in denen der Westen ohnehin überlegen ist.Die Globalität der Kirche ist nicht triumphal wie die des amerikanischen Imperiums oder eine s internationalen Konzerns.Um daraus etwas zu machen, müssten die Muslime sich von dem Klischee des Kreuzfahrerpapstes verabschieden.Und Benedikt XVI. müsste die defensive Haltung überwinden, mit der er den Zeitläuften manchmal gegenübersteh t der säkularen Moderne wie dem nach Europa hinüberreichenden Islam.Keine Angst zu haben, darin war sein Vorgänger wirklich groß. Audio www.zeit.de/audio