Der Philosoph E. M. Cioran sah in H.M. – Henri Michaux selbst reduzierte seinen Namen zeitlebens auf die Initialen – einen, der »alles ins Werk setzt, um nicht ans Ziel zu gelangen«, einen, der unentwegt gegen die eigenen Träume aufbegehrt, sie bagatellisiert und verspottet, einen, der »sich zu keiner Heilsform herabgelassen hat, zu keinem Trugbild von Erhellung«. Zugleich hielt er Henri Michaux für einen Mystiker, freilich »einen Mystiker, der an nichts glaubt« (wie Flaubert sich definierte). Sicher ist, dass sich das Werk von Henri Michaux bis heute eine Rätselhaftigkeit bewahren konnte, die in diesem Maße – so jedenfalls sah es Paul Celan, sein bedeutendster Übersetzer ins Deutsche – nur noch dem Werk Kafkas eignet.

Nicht von ungefähr hat André Gide, der so früh in Frankreich für Kafka eintrat, als einer der ersten französischen Autoren auch die Einzigartigkeit von Henri Michaux erkannt. Wie man in Paris großzügig die Yourcenar oder auch Simenon der französischen Literatur zuschlug, hat man dort längst auch Henri Michaux vereinnahmt, der noch für André Gide durchaus ein belgischer Autor war, auch oder gerade wenn er sich gegen seine Herkunft vehement auflehnte. So heißt es etwa in einem In Belgien betitelten frühen Text von Henri Michaux: »Volk mit der glänzenden Nase! Widerliches Volk, das hängt, das herumhängt, das rinnt, das ist das Volk, in dessen Mitte er geboren ist.« In einem anderen Text, Brief aus Belgien, zeigt sich Michaux dann zumindest ambivalent gegenüber seinen Landsleuten, wenn er ihnen »Dünkelphobie« bescheinigt und ihre Art, mit komischem Akzent französisch zu sprechen, als Misstrauen gegen die Affektiertheit des Französischen ausgibt.

Tatsächlich hat Michaux die französische Sprache stets ein wenig wie aus der Distanz, wie eine Art Fremdsprache gehandhabt. Er befreite die französische Sprache von allem Gezierten und Rhetorischen, raute sie auf, walkte sie durch, zerlegte sie, wie sich das drastisch an einem seiner berühmtesten Gedichte, Der große Kampf, zeigt, für dessen wie vom Flämischen verschmutztes Französisch Kurt Leonhard eine kongeniale deutsche Entsprechung gefunden hat: »Er greidolkt ihn und podartscht ihn zu Boden, / er rampft und rippert ihn bis zum Verdreucheln, / er wickult und stauchöbt ihn und fluddert ihm die Hoduskeln; / er stibüntet ihn, walzundet ihn, / mannackt ihn Rack auf Ritsche und Rick auf Ratsche, / endlich entkoballistert er ihn.« Auch ein Gedicht wie Begegnung im Wald, dessen Thema, eine Vergewaltigung, ein Äquivalent in einer quasi vergewaltigten Sprache gefunden hat, lebt von solcher Sprachaufmischung: »Er entrockt sie; dann feiglochert er sie nach Herzenslust, / Belickt sie, flagatscht sie und verkippert sie / bemienert ihre Trilitis, lackt sie entzwei. / Trunken von Dreck, wild auf ihren sanften Leib, / inkanüliert er und majalektiert sich…«

Was den sehr spezifischen, bizarren bis brutalen Humor von Henri Michaux anlangt, der in der Figur seines Plume personifiziert erscheint – Plume ist irgendwo zwischen Kafka, Charms, Chaplin und Tati angesiedelt und unterläuft jede Realität mit Hyperrealität und Hyperlogik –, so kann er die belgische Herkunft so wenig verleugnen wie bestimmte Bilder von Bosch, Ensor oder auch Magritte, in denen Komik und Panik sich paaren.

Michaux, der sich als Dichter in den Worten eher verlieren als finden wollte – er rechnete sich zu jenen, die bereits erschöpft auf die Welt kommen –, verwischte seine Lebensspuren eher, als sie freizulegen. Zeitlebens verweigerte er sich strikt der Öffentlichkeit, lehnte nicht nur Interviews ab, sondern 1965 sogar den Grand Prix National des Lettres, und autorisierte nur ein einziges Foto von sich, aufgenommen von der Walter-Benjamin-Freundin Gisèle Freund. So viel wissen wir immerhin, dass der 1899 geborene Sohn einer begüterten Bürgersfamilie aus Namur, die früh nach Brüssel zog, von seiner eigenen Mutter verabscheut wurde und die Schrecken eines Jesuiteninternats mit dem Verlangen danach, ein Heiliger zu werden, kompensierte. Lange schwankte er zwischen dem Eintritt in ein Kloster und dem Studium der Medizin, ging aber schließlich als Matrose zur Handelsmarine. Zwei Jahre fuhr er zur See – die Spuren davon durchziehen sein ganzes Werk – und kehrte 1922 nach Brüssel zurück, wo er sich auf die Lektüre von Ernst Haeckel und Sigmund Freud warf und sich durch die Gedichte von Lautréamont und Blaise Cendrars zu ersten eigenen Texten anregen ließ.

Ein Abenteurer, der von Hotel zu Hotel zog

Nach einer kurzen Zeit als Aushilfslehrer in einem Kaff an der Grenze zu Luxemburg wagte er 1924 den Sprung nach Paris, wo er von Hotel zu Hotel zog, zeitweise als Buchhändler Anstellung fand und dann der Sekretär des Dichters Jules Supervielle wurde. Durch ihn, der wie Lautréamont und Jules Laforgue als Kind französischer Einwanderer in Montevideo geboren wurde, lernte Henri Michaux in Paris residierende reiche südamerikanische Großgrundbesitzerfamilien kennen und auch den ecuadorianischen Dichter Alfredo Gangotena, mit dem zusammen er 1927 zu einer über einjährigen Reise nach Ecuador aufbrach, deren literarisches Resultat sein Reisetagebuch Ecuador bildet.