Die Zeit läuft. "Erotik!", ruft Daniel Vuljanic schnell. "Schafe!" "Klee!" "Mutter!" Dann hapert es plötzlich. Der Student runzelt die Stirn, nestelt an seinem T-Shirt, verstummt. Wenige Minuten zuvor hat der junge Mann fünfzehn Begriffe gehört, und nun soll er sich an möglichst viele davon erinnern. Neben ihm steht die Doktorandin Olga Strugovshchikova, blickt konzentriert auf ein Blatt Papier, hakt auf ihrer Liste ab, welche Begriffe Vuljanic im Gedächtnis blieben. Die Stoppuhr piepst, die Zeit ist um. 

Was anmutet wie ein Probetraining für Wetten, dass…?, dient der Wissenschaft. Mit gelbem Schaumstoff unter dem Rücken liegt Daniel Vuljanic in der Röhre eines Magnetresonanztomografen (MRT) des Instituts für Neuroradiologie der Universitätsklinik Lübeck. Die Wissenschaftler erforschen das menschliche Gehirn, wollen messen, wie effektiv es Energie aufnehmen kann. Dabei vergleichen sie dicke, dünne und normalgewichtige Menschen. Denn sie sind überzeugt, dass Diabetes und Übergewicht durch eine Fehlfunktion des Hirns entstehen.

Die Lübecker Forscher glauben, dass unser Gehirn den Energiehaushalt anderer Organe steuert wie ein Puppenspieler seine Marionetten. Ist der Puppenspieler krank, leiden die Bewegungen der Marionetten. Übergewicht, Diabetes vom Typ 2 und sogar Depressionen können die Folge sein. Auf gleich zwei Kongressen – dem Jahrestreffen der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde sowie dem Weltkongress der Diabetologen – avancierte diese Erkenntnis in den vergangenen Tagen zum Thema: In den Diskussionen der Fachleute zeichnete sich ab, wie bedrohlich die Liaison von Übergewicht, Diabetes und Depressionen ist.

An diese Vorstellung müssen sich viele Mediziner noch gewöhnen. Denn sie wirft altbekannte Theorien über den Haufen oder lässt sie bestenfalls als einfältige Skizze eines komplexen Gemäldes erscheinen. Bisher galt es als ausgemacht, dass bei Diabetes die Bauchspeicheldrüse, das Fettgewebe und die Muskulatur nicht ordentlich arbeiten. Nun erscheint plötzlich das Hirn als Haupttäter im Krankheitsgeschehen.

Seit zwei Jahren wird das Lübecker Projekt The selfish brain ("Das eigensüchtige Gehirn") von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Zugrunde liegt dem Modell die Erkenntnis, dass unser Gehirn einerseits die Kontrolle über die Energieverteilung im Körper hat, andererseits aber mehr Energie braucht als jedes andere Organ im menschlichen Körper. Zwischen 80 und 120 Gramm Glukose verbrennen die Nervenzellen jeden Tag. Speichern können sie diese jedoch kaum; Energiedepots, wie zum Beispiel im Fettgewebe, sind in unserem Denkorgan nur spärlich angelegt.

Egal, ob der Mensch hungert oder schlemmt, Sport treibt oder sich vor dem Fernseher lümmelt – erst wenn sich das Gehirn ausreichend mit Energie versorgt hat, sind die übrigen Organe an der Reihe, lautet die These der Lübecker Wissenschaftler. "Seine Macht liegt darin, mehrere Transportwege im Körper zu kontrollieren", sagt Kerstin Oltmanns, die eines der Projekte von The selfish brain leitet. Das Gehirn sichert sich seine Energieration, indem es mehr Glukose über die Blut-Hirn-Schranke schleust und gleichzeitig verhindert, dass Fett und Muskulatur den Zucker aufnehmen können. Und es schüttet kräftig Hormone aus, die den Appetit anregen. So entsteht der Heißhunger auf ein Stück Kuchen, eine Pizza, eine große Portion Nudeln. Denn das Essen liefert schnell Energie nach.

Darauf muss der Student Daniel Vuljanic noch ein Weilchen warten. Nüchtern liegt er im MRT, das leise tickt, genau 128-mal. So oft messen die Wissenschaftler die Energieaufnahme in Vuljanics Gehirn und in einem Rückenmuskel. Was verändert sich, wenn der Blutzuckerspiegel sinkt? Gelingt es dem Gehirn auch dann noch, sich genug Energie zu sichern? Bei Daniel Vuljanic, der sehr schlank ist, müssen sich die Mediziner keine Sorgen machen. Bei anderen schon. "Wir haben klar sehen können, dass bei Übergewichtigen weniger Energie im Gehirn ankommt als bei schlanken Menschen", berichtet Kerstin Oltmanns und legt eine Grafik mit ersten Ergebnissen ihrer Studie auf den Tisch. Sie glaubt, dass bei Übergewichtigen die Schleuse an der Blut-Hirn-Schranke defekt ist; und dass das Gehirn versucht, die Unterversorgung zu kompensieren, indem es den Menschen über Botenstoffe ständig zum Essen animiert. "Die Energiebalance kippt", sagt die Physiologin.