Der britische Generalkonsul Henry Veitch war ein Mann mit vielseitigen botanischen, politischen und erotischen Interessen. Es heißt, er habe auf dem Dach seines Hauses verschiedene Fahnen gehisst, je nachdem, welche Geliebte sich zu ihm in seinen 767 Meter über der Südküste von Madeira gelegenen Berggarten heraufbequemen sollte. Als 1815 die HMS Northumberland mit Napoleon an Bord vor Madeira ankerte, hatte Veitch, zum Ärger des Gouverneurs, dem Gefangenen seine Aufwartung gemacht, ihn mit "Majestät" angesprochen und eine größere Bestellung seines Madeira-Weins nach St. Helena aufgenommen. Von Veitchs Experimenten, Tee, Reis und Zimt anzupflanzen, ist heute nichts mehr zu sehen. Nur die ältesten Eukalyptusbäume der Insel haben auf seinem Anwesen überlebt. Den größten soll Captain Cook vor 235 Jahren gepflanzt haben, ehe er 220.000 Flaschen Süßwein fasste und in Richtung Tahiti davonsegelte. Hinter dem Haus liegt Generalkonsul Veitch auf einem Hügel unter einem Marmorobelisken begraben. Er hatte sich den Platz selbst ausgesucht. Zurück ins schottische Selkirk? Nicht, wenn man unter Lorbeerbäumen ruhen konnte.

Das Haus, in dem er vor 150 Jahren residierte, stand lange leer, drei Stockwerke in verblichenem Erdbeerrot mit Gauben und Arkaden im Grün der Bergfalte. Ein dunkler Wald aus Kastanien und Lorbeer war ihm vor die verrammelten Fenster gerückt. Vor sechs Jahren dann hat man das Haus renoviert, bonbonrosa verputzt und ihm einen neuen, weißen Flügel in die Seite gerammt. Aus der alten Quinta ist das Fünf-Sterne-Hotel Jardim da Serra geworden. In stundenlangem Schnipp, Schnapp hält jetzt der Gärtner die Buchsbaumhecke kurz, die sich in schönen Mäandern um die Rosenstöcke wickelt. Entlang der Hecke zieht sich ein miradouro, eine Aussichtsgalerie, durch deren Bögen der Blick auf Terrassenfelder, helle Dächer und das gehämmerte Silber des Atlantiks fällt. Als Quinta ist Veiths Haus nur noch Zitat.

Eine Quinta hieß Quinta, weil die Pächter früher den fünften Teil – quinta parte – ihrer Ernte an den Grundbesitzer entrichten mussten. Das war, bevor die Herrschaften selbst aufs Land zogen, sich elegante zitronengelb und erdbeerrot verputzte Häuser bauten, die verborgen in einem großen Garten lagen, dessen hohe Mauern keinen Zweifel am Status der Bewohner aufkommen ließen. Man nahm den Tee auf der Terrasse, umfächelt von Ingwer- und Frangipanidüften, und sah ringsum seinem Reichtum beim Wachsen zu: Wein, Bananen, Zuckerrohr. Und heute?

Die Gutshäuser verfielen oder wurden, wie das Domizil des Henry Veitch, zum Hotel umgebaut. 16 davon, alle mit vier und fünf Sternen geschmückt und fast alle in der Nähe der Inselhauptstadt Funchal gelegen, haben sich zu einem Verbund zusammengeschlossen, der den Gästen alles auf einmal bieten will: historisches Gebäude, komfortable Betten, feine Küche und Wellness-Abteilung. Doch weil das natürliche Habitat einer Quinta der große Garten ist, Madeiras Hauptstadt aber mit Platz geizt, ist nicht jede Hotel-Quinta gelungen.

Noch in den siebziger Jahren eine eher exklusive Sommerfrische am Meer, wächst Funchal mittlerweile wie weißer Grind die Berge hinauf. Immer neue, immer weniger schöne Hotels werden gebaut. Von oben besehen, wirkt die Südküste wie eine umsiedelte Carrerabahn; vierspurige Straßen schwingen sich als doppelt graues Band auf Stelzen um Felsnasen und verschwinden in aufgesperrten Tunnelrachen. Nur die besten unter den Hotel-Quintas konnten ihre stolzen Gärten behalten, sind konsequent Landhäuser geblieben – wie die Casa Velha do Palheiro mit hundert Jahre alten Bäumen auf hundert Hektar, mit Korbstühlen auf dem Rasen und Krocketschlägern in der Halle. Oder die Quinta Jardins do Lago; außen ganz südlich, mit grünen Klappläden und umwallt von Blauregen, im Innern very British, mit Chintzsofas, Posamenten, Himmelbetten und der Anrichte, die ein gewisser General Beresford 1808 im Speisesaal seiner damaligen Residenz stehen ließ.