Ein Wunderkind der Moderne: Das mathematische Genie Blaise Pascal, Kind des französischen 17. Jahrhunderts, stand mit beiden Beinen auf dem Boden der neuzeitlichen Wissenswelt und war ein tiefgläubiger Mann. Doch sein Glaube vermittelt uns weder metaphysischen Trost noch kosmologische Geborgenheit. Was ist an Pascals gläubiger Rationalität modern?

Die Frage, ob ein Gott aus Vernunft wohl derselbe sei wie der Gott der biblischen Offenbarung, ist nicht neu. Historisch war sie das Ergebnis der Begegnung von »Athen« und »Jerusalem« – zwischen biblischer Offenbarung und philosophischem Logos. Von Anfang an war das Ergebnis dieser Konfrontation durchaus offen: Wo einige Philosophen römisch-hellenistischer Kultur das Christentum als widervernünftige Heilslehre ablehnten, entdeckten andere in ihm die wahrhaftige Antwort auf die eigene philosophische Suche nach überzeitlicher Wahrheit.

Aber kann eine substanzielle Einheit von epistemischer Vernunft und religiöser Offenbarung heute mehr sein als ein frommer Wunsch? Die wissenschaftliche, kulturelle und soziale Moderne hat seit Jahrhunderten jede systematisch fixierte Gestalt vernünftigen Wissens systematisch destabilisiert. Wie kann sich da, wie in der Regensburger Vorlesung Benedikts XVI. geschehen, die Vernunft auf eine metaphysische »Korrespondenz zwischen unserem Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen« verlassen? Und wird sie, sobald sie dies nicht tut, »dem Göttlichen gegenüber taub«?

Gerade eine in sich gebrochene, ihren Leistungen gegenüber skeptische Vernunft entspricht den intellektuellen Erfahrungen der Moderne. Eine ihrer Endlichkeit bewusste Vernunft wird die religiöse Offenbarung nicht mehr als bloße Fortsetzung ihres eigenen Projekts begreifen, sondern als einen anderen Weg zur Wahrheit: zu einer anderen Wahrheit als der der Wirklichkeitswissenschaften.

Dem möglichen Kontrast zwischen einem »Gott der Philosophen und Gelehrten« und dem »Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs« widmete Joseph Ratzinger vor fast einem halben Jahrhundert seine Bonner Antrittsvorlesung. Die Formulierung entnahm er einem religiösen Schlüsseldokument der philosophischen Moderne: dem Mémorial jenes Blaise Pascal (1623 bis 1662). Der Mathematiker und Naturforscher, Denker und Polemiker, Weltmann und Asket notierte am 23. November »im Jahr der Gnade 1654« eine Gotteserfahrung von »Gewißheit, Gewißheit, Empfindung, Freude, Friede«.

Bis zu seinem frühen Tode sollte Pascal dieses Protokoll seiner innerlichen Konversion hin zum biblischen Gott stets eingenäht in seine Kleidung bei sich tragen. Worin genau seine Gotteserfahrung bestand, teilt uns das Dokument nicht mit, aber ihr Ergebnis: »Von der Welt und von allem, ausgenommen Gott, vergessen«, wurde ihm klar, dass Gottesgewissheit nur »auf Wegen gefunden wird, die im Evangelium gelehrt werden«. Die Begegnung mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs erwächst weder aus der empirischen Wissenschaft noch aus der philosophischen Vernunft. »Gerechter Vater, die Welt hat dich nicht erkannt, aber ich habe dich erkannt.«

Pascal plädiert nun freilich nicht für ein widervernünftiges Christentum. Ihm ging es um einen räsonablen Glauben – aber er fordert den »Selbstverzicht der Vernunft« (Lucien Lévy-Bruhl) auf den Anspruch, letzte Fragen nach der Glückseligkeit der Menschen, nach dem Besitz der unabänderlichen Wahrheit, zum Schicksal der Seele nach dem Tode beantworten zu können. Gerade eine durch die Naturwissenschaften aufgeklärte Vernunft vermag uns erkennende Subjekte der Neuzeit vielmehr zur epistemischen Bescheidenheit zu führen.