Bislang gefiel sich der Münchner Elektronikriese in der Rolle des Musterschülers. Weil Siemens in den USA gute Geschäfte macht, strengt er sich dort ganz besonders an, ein guter corporate citizen zu sein: »Seit der Gründung hat unser Unternehmen lokal wie international versucht, in den Gemeinschaften, in denen wir leben und arbeiten, einen Beitrag zu bringen«, heißt es auf der US-Internet-Seite von Siemens. Doch das sorgsam gepflegte Image hat jetzt dicke Kratzer. Die Paradies-Insel BILD

Die Affäre um schwarze Kassen läßt auch in den USA die Alarmglocken läuten. Die Ermittler der US-Börsenaufsicht SEC sollen bereits damit beschäftigt sein, die Vorfälle zu prüfen, um eventuell einzugreifen. Eine offizielle Bestätigung gab es am vergangenen Dienstag allerdings nicht. Siemens ist an der New Yorker Börse notiert – und unterliegt deshalb der Zuständigkeit der SEC. Man stehe mit der Behörde in Kontakt, heißt es dazu bei Siemens.

Noch schwerer wiegt: Auch das US-Justizministerium schaltet sich womöglich ein. »Es könnte eine eigene Untersuchung anstrengen«, sagt Peter Henning, Spezialist für Wirtschaftskriminalität an der Wayne State University. Die US-Behörden haben der Korruption weltweit den Kampf angesagt – und sie meinen es ernst. Der Fall Siemens liefert vermutlich genügend Stoff, um nun ein Exempel zu statuieren.

Dabei können sich die Ermittler auf ein eigenes Antikorruptionsgesetz berufen. Der Foreign Corrupt Practices Act (FCPA) wurde 1977 beschlossen. Er verbietet es Unternehmen, für ihre internationalen Geschäfte Schmiergeld zu bezahlen. Das gilt seit 1998 auch für ausländische Unternehmen, die aus den USA heraus operieren oder eben wie Siemens an einer US-Börse gelistet sind. Wer erwischt wird, dem drohen hohe Strafen: von saftigen Bußgeldern bis hin zu Gefängnis für die verantwortlichen Manager.

Das Gesetz kam im Zuge der Washingtoner Aufräumaktion nach dem Watergate-Skandal. Weil aber Wirtschaftsvertreter massiv darüber klagten, ohne die Schmiergelder bei Geschäften gegenüber Wettbewerbern aus anderen Ländern ins Hintertreffen zu geraten, mühte sich der US-Kongress, internationale Verbündete zu finden. Der Erfolg ließ auf sich warten. Erst 1998 kam der OECD-Antikorruptionspakt zustande, den bis heute 34 Länder unterzeichnet haben.

Allerdings gerieten auch in den USA die Vorschriften zwischenzeitlich fast in Vergessenheit. Gerade einmal eine Hand voll Fälle verfolgten die Ermittler in den neunziger Jahren. Doch nach dem Enron-Skandal und dem öffentlichen Aufschrei verschärfte der Kongress mit dem Sarbanes-Oxley Act die Bilanzierungsregeln. Schwarze Auslandskonten und undurchsichtige Transaktionen waren plötzlich keine Kavaliersdelikte mehr. Zudem gerieten internationale Geldtransfers nach den Anschlägen vom 11. September im Rahmen der Terrorbekämpfung ins Visier des US-Justizministeriums. Bei einer Anwaltskonferenz im Oktober fand Alice Fisher, die für den Generalstaatsanwalt arbeitet, starke Worte: »Bestechung aller Art genießt eine hohe Priorität für das Justizministerium und speziell für mich als Leiterin der Strafverfolgung.« Dass das mehr als Lippenbekenntnisse sind, haben unter anderem Topmanager beim Telekom-Ausrüster Lucent, dem Saatgutriesen Monsanto und dem Mischkonzern Halliburton erfahren müssen.

In den USA drohen drastische Gefängnisstrafen