Jürgen Wagner braucht kein Mikrofon, um seinen Ärger vernehmlich kundzutun. Angesichts dieser SPD kann man nur Widerstand mobilisieren!, ruft der bayerische IG-Metall-Bezirksleiter.Tosender Beifall hallt zurück.Etwa einhundert Arbeiter aus der Miederindustrie sind Ende November in die gewerkschaftsnahe Kritische Akademie Inzell gekommen, um ein Wochenende lang zu beraten, wie sie künftig schlagkräftiger werden.Schon im Januar wollen die Metaller bundesweit Streiks organisieren.Auch um für längere Arbeitslosengeldzeiten zu streiten, ruft der bärtige Gewerkschafte r, und: Wir wollen kein Hartz IV! Ausgerechnet die SPD! Auch Annelie Buntenbach vom Deutschen Gewerkschaftsbund in Berlin versteht die Welt nicht mehr.Noch im Juni 2005 habe die rot-grüne Regierung im Bundestag einen Gesetzentwurf verabschiedet, um die per Agenda 2010 beschlossene kürzere Bezugsdauer um zwei Jahre zu verschieben.Dann stoppte der unionsdominierte Bundesrat das Vorhaben. Jetzt will die Union älteren Arbeitslosen längere Unterstützung gewähren, die Sozis aber verweigern sich. Hat die SPD ihre Idee vergessen?, fragt Buntenbach. Tatsächlich klingen die Argumente führender Sozialdemokraten nach einem Jahr schwarz-roter Koalition anders als früher.Vizekanzler und Arbeitsminister Franz Müntefering will Älteren zu Jobs verhelfen statt zu längerem Bezug von Arbeitslosengeld: Deutschland kann es sich nicht leisten, die Potenziale älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu vernachlässigen.Unbeirrt fügt er hinzu, dass mit der frühen Frühverrentung auf Kosten der Sozialkassen endlich Schluss sein müsse.Bis zum näc hsten Frühling will Müntefering eine komplette Arbeitsmarktreform hinlegen ohne freilich an der rot-grünen Agenda 2010 zu rütteln.Ältere, Jugendliche, Alleinerziehende, schwer Vermittelbare, Menschen ohne Berufsabschluss und mit gesundheitlichen Einschränkungen rührig beschreibt der Arbeitsminister all diejenigen, die er in Arbeit bringen will: Die meisten der Langzeitarbeitslosen sind gut drauf und brauchen jetzt eine Beschäftigung. Alle wollen neue Stellen schaffen die Frage ist nur, wieOb die Ideen tatsächlich umgesetzt werden, hängt allerdings am Verhandlungsgeschick der SPD und am Regierungspartner. Noch arbeiten alle Vernünftigen in der Koalition zusammen, erklärte der Minister nach einer der letzten Beratungen der von ihm initiierten Arbeitsgruppe Arbeitsmarkt, die das Reformpapier vorbereitet.Ein Konsens ist dennoch nicht garantiert.Zwar wollen beide Koalitionspartner neue Stellen schaffen, strittig ist allerdings, wie. Die Union will Arbeitssuchenden mit klassischen Kombilöhnen zu Beschäftigung verhelfen, die SPD favorisiert eher kleinteilige Förderprogramme mit Qualifizierungsmöglichkeiten. Immerhin, der erste Aufschlag aus dem Hause des Arbeitsministers ist gelungen.Das Beschäftigungsprogramm Initiative 50plus ging jüngst ohne Koalitionsquerelen durch das Kabinett vereint es doch Kombilohn und Qualifizierung.Auf jährlich 65000 zusätzliche Stellen dürfen Ältere hoffen und auf betriebliche Weiterbildungsprogramme.Früher und intensiver sollen kleinere und mittlere Betriebe ihre Beschäftigten qualifizieren, um sie fit zu halten.Schon 45-jährige Arbeitnehmer bekommen Bi ldungsgutscheine.Ältere, die für weniger Lohn in einem sozialversicherungspflichtigen Job arbeiten, bekommen die Differenz zum früheren Lohn teilweise erstattet und einen Zuschuss zur Altersversicherung.Alternativ können Arbeitgeber Eingliede rungszuschüsse beantragen, wenn sie Ältere für mindestens ein Jahr einstellen.Erlaubt bleiben auch befristete Arbeitsverträge mit über 52-Jährigen für maximal fünf Jahre. Viele Gewerkschafter mögen an den Erfolg der Initiative 50plus nicht glauben.Trotz ähnlicher Vorhaben in der Vergangenheit arbeitet heute nicht einmal mehr jeder Zweite zwischen 55 und 64 Jahren.Arbeitgeber würden die staatliche Unterstützung bisher kaum annehmen, klagt DGB-Vorstand Buntenbach.Es mangele schlicht an Stellen.Und wenn Firmen wie der Handy-Hersteller BenQ dichtmachen, seien es die Älteren, die meist keine neue angemessene Beschäftigung finden.Bert Rürup, Vorsitzender des Sachvers tändigenrates der Bundesregierung, hält den Plan zwar für ein richtiges Signal, befürchtet aber, dass er weder ausreichen noch das Gewünschte bewirken könnte.Im Wesentlichen kombiniere 50plus nur solche Instrumente, die schon in der Vergangenheit nicht zu mehr Arbeitsplätzen geführt haben. Kaum einer der Politiker weiß, worüber er im Detail redetVerlockend klingt deshalb noch immer der Vorschlag des nordrhein-westfälischen Landesvaters, Jürgen Rüttgers (CDU). Offensichtlich glaubt auch er nicht, dass genug Arbeitsplätze mit staatlicher Hilfe geschaffen werden können.Deshalb schlug er vor, ältere Arbeitnehmer sollten davon profitieren, wenn sie lange Jahre Sozialbeiträge gezahlt haben. Gerecht sei es, befand die CDU mehrheitlich auf dem Dresdner Parteitag, wenn nach 40 Beitragsjahren die Unterstützung volle zwei Jahre bezahlt würde derzeit sind es maximal 18 Monate.Schon bei 15 Jahren sollen es künftig 15 Monate sein und ab 25 Jahren 18 Monate.Im Klartext heißt das für die Betroffenen: Es gibt mehr Geld und der gefürchtete Hartz-IV-Abstieg wird hinausgeschoben. Obwohl Vizekanzler Müntefering den Rüttgers-Vorschlag praktisch wegbügelte (Im Moment sehe ich weder vom Handwerklichen, vom Praktischen her, noch vom Geld, noch was die Gegenfinanzierung angeht, eine gemeinsame Linie mit der CDU), wetteifern die Koalitionspartner längst um den Anspruch, die sozialere Volkspartei zu sein.Als Lordsiegelbewahrer der Agenda 2010 könne die SPD kaum bei ihren Wählern punkten, befürchten viele Parteilinke bei den Sozialdemokraten.Aber kann die Union punkten mit einer Idee, die derzeit so populistisch wie realitätsfern anmutet? Dass kaum einer der Politiker richtig weiß, worüber er im Detail redet, zeigt die Zahl 47000.Sie kursiert in der SPD-Fraktion.So viele ältere Arbeitslose dürften von dem Rüttgers-Vorschlag profitieren, vermuten Sozialdemokraten hinter verschlossenen Türen. Öffentlich nennen sie diese Zahl nicht.Für Heinz Oberlach ist das nicht verwunderlich. Diese Zahl gibt es nicht, erklärt der Mann in Diensten der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.Während Rentenversicherer per Knopfdruck die Erwerbsbiografien jedes Bundesbürgers und damit dessen Rentenansprüche aufrufen könnten, sei das beim Arbeitslosengeld schlicht nicht möglich.Aber mit welchen Daten fütterte dann die Union in Nordrhein-Westfalen ihren Vorschlag für die Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes?Ulrich Lensing mag darüber nicht reden um das Finanzkonzept vor dem vorzeitigen Verriss zu schützen, wie der Sprecher im Düsseldorfer Arbeitsministerium glauben machen will.Nur so viel dürfe er verraten. Die streng gehüteten Berechnungen beruhten auf Annahmen und Schätzungen eines Instituts, das gelegentlich für unsere Landesregierung arbeitet. Wissenschaftliche Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung belegen indes, dass nur wenige Arbeitnehmer überhaupt 40 Jahre lang ununterbrochen Sozialbeiträge zahlen.Heute würden die meisten mit 30 Jahren in die Haupterwerbsphase eintreten und je nach Branche öfter den Arbeitgeber wechseln.Weibliche Erwerbsbiografien verliefen weitaus stärker diskontinuierlich als männliche, und ostdeutsche seien so noch gar nicht untersucht worden.Wen also e rreicht der CDU-Plan? Die Bundestagsfraktion der SPD will ihr soziales Profil demgegenüber mit diversen Beschäftigungs-Konzepten für Hartz-IV-Empfänger schärfen. In unserem Orbit kreisen einige Arbeitsmarktprogramme, sagt die Parteilinke Andrea Nahles.Anfang der kommenden Woche dürfte das nächste von ihnen landen.Bis dahin wollen sich SPD-Arbeitsmarktexperte Klaus Brandner und NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) auf ein Konzept einigen, das arbeitsmarktfernen, arbeitslosen Beziehern von Arbeitslosengeld II zu sinnvoller Arbeit verhelfen soll. Verhandelt wird über etwa 400000 Bundesbürger ohne realistische Chancen auf dem Arbeitsmarkt, unter ihnen ehemalige Drogen- oder Alkoholabhängige, Straffällige, hoch Verschuldete oder psychisch Kranke.Diese Menschen, weiß Brandner, stellt kein Unternehmen ein, selbst wenn sie großzügige staatliche Finanzhilfen bekommen.Um sie dennoch in das soziale Leben zu integrieren, müssten Kommunen, Wohlfahrtsverbände und Integrationsbetriebe mit politischer Hilfe sinnvolle und gesellschaftlich anerkannte Beschäftigungsmöglichkeiten mobilisieren, etwa Wäsche-Hol-und-Bring-Dienste, Einkaufshilfen, Hausmeisterdienste oder Arbeit als fliegende Lebensmittelhändler auf dem Land.Und die Kosten? Mit etwa 300 Millionen Euro rechnet Brandner während der Startphase, in der 100000 Bedürftige gefördert werden sollen.Das Geld werde den Bundeshaushalt nicht zusätzlich belasten, sondern weitgehend über produzierte und verkaufte Dienstleistungen sowie über sowieso zu zahlende Sozialleistungen gedeckt. Dem SPD-Konzept steht allerdings noch eines der Union gegenüber, das wieder aus Nordrhein-Westfalen stammt und das Programm im Namen trägt: Kombilohn NRW.Um die schwer Vermittelbaren für schlecht bezahlte Tätigkeiten in der Dienstleistungsbranche zu gewinnen, etwa für nicht besetzte Zivildienstplätze, sollen die Löhne durch staatliche Finanzhilfen existenzsichernd angehoben werden. Grundsätzlich einigungsfähig seien beide Konzepte dennoch, erklärt Nahles optimistisch, schließlich gehe der Verhandlungspoker um die Teile der kommenden großen Arbeitsmarktreform munter weiter.Nach Initiative 50plus, Job-Perspektive und Kombilohn NRW warten weitere Grüppchen von Arbeitslosengeld-II-Empfängern auf ihre Programme, unter ihnen Jugendliche unter 25 Jahren und Alleinerziehende.Die Gewerkschaften freilich geben sich mit politischen Bemühungen um die Hartz-IV-Empfänger keineswegs z ufrieden.Sie streiten für mehr Lohn und sichere Arbeitsplätze und gegen eine Zukunft mit Hartz IV. Bringt die Union den Rüttgers-Vorschlag tatsächlich auf das Parkett der Berliner Regierung, wollen die SPD-Linken jenseits ihrer Arbeitsmarktprogramme eine plausible Antwort für die verunsicherten Arbeitnehmer parat haben. Weitere Informationen im Internet: www.zeit.de/arbeit