Mel Gibsons gesamtes Werk als Schauspieler und Filmemacher dreht sich um Gewalt und Vernichtung, Rache und Selbstzerstörung. Noch aus dem Leiden Christi hat er ein Splattermovie gemacht, das sich sehr für die Leiden des Fleisches, aber kaum für die Erlösung der Seele interessiert. Sein neuer Film aber übertrifft selbst die Passion Christi an Grausamkeit.

Apocalypto spielt in der Endzeit des Maya-Reichs, als immer mehr Menschenopfer die ungnädigen Götter besänftigen sollten. Beherzt werden Bäuche aufgeschlitzt, Herzen herausgerissen, Köpfe ein- und abgeschlagen und auf Lanzen gespießt, Gurgeln durchgeschnitten. Der Held von Apocalypto aber will kein Opfer werden, flieht und tötet seine Verfolger, um sich selbst und seine Familie zu retten.

Wie schon die Passion kommt auch Apocalypto als historistische Fleißarbeit daher: Kostüme, Tattoos und Ohrpiercings wurden mit großem Willen zur Authentizität und viel Silikon rekonstruiert, Pyramiden originalgetreu nachgebaut, und Hunderte Laienschauspieler sprechen den letzten bekannten Maya-Dialekt. In seiner Detailversessenheit ist Apocalypto eines der extremsten Experimente der neueren Kinogeschichte.

Der Film ist physisch so aufdringlich, dass man ihn sich mit Konzentration auf ein paar historische Unstimmigkeiten gern vom Leibe halten möchte. So wurde Gibson bereits vorgehalten, die Maya hätten gar nicht so viele Menschenopfer vollbracht (wie etwa die Azteken), der Dialekt sei so falsch gewählt wie die Schauplätze. Am wenigsten überzeugt die Psychologie des Helden, der, wie nur irgendein guter Familienvater aus der amerikanischen Vorstadt, um seine geliebte Kleinfamilie besorgt ist, zu der er um jeden Preis heimkehren will.

Und dennoch: Dieser monströse Film ist überaus packend. Mit seiner Verfolgungsjagd im Regenwald setzt er einen neuen Standard im Action-Kino. Der eigentliche Held ist nämlich nicht der gehetzte Eingeborene "Jaguar-Tatze", sondern die von Dean Semler geführte Kamera. Das Bravourstück ist die Hatz, bei der eine Kopfjägertruppe und ein Jaguar zugleich hinter dem verletzten Helden her sind. Das Geschwindigkeitsgefühl, das die Kamera vermittelt, ist vollkommen unwahrscheinlich – und zugleich völlig natürlich. Semler hat bereits für Der mit dem Wolf tanzt den Oscar bekommen – und mit Gibson bei den Mad Max- Filmen zusammengearbeitet.

Seit dieser Zeit sind Schmerz, Angst und Schrecken Gibsons Leidenschaft. Ganz in enges schwarzes Leder gekleidet, kam er 1979 als postapokalyptischer Rächer Max Rockatansky aus dem Nichts zu Starruhm. Mad Max hatte bereits, was Gibsons Filme vor und hinter der Kamera bis heute ausmacht: ein Rachemotiv als Lizenz zum Massaker; eine anschließende sadistische Gewaltorgie; ein Gesellschaftspanorama moralischen Zerfalls; das Drama der bösen Übermacht, die von einem einzelnen opferbereiten Rebellen herausgefordert wird.

In immer neuen Verkleidungen hat Mel Gibson diese Motive durchgespielt – als suizidaler Cop in Los Angeles (Lethal Weapon), als mittelalterlicher schottischer Rebell (Braveheart), als amerikanischer Revolutionär wider Willen (Der Patriot). Stets hat man seinem Helden gerade die Frau geraubt, manchmal auch den Sohn – und damit die Lizenz zum Durchdrehen gegeben. Für jemanden, der gern mit homophoben Sprüchen provoziert, hat Gibson eine merkwürdig starke Neigung, seine Helden aus der Beschränkung durch Weib und Kind zu lösen und unter ruppige Männer geraten zu lassen.