Kaum etwas bringt verständige Leser mehr auf die Palme als die unbedachte Einordnung etwa von Peter Handke oder Max Frisch in die Kategorie "deutsche Literatur". Natürlich weiß man, dass Handke ein Österreicher ist und Frisch ein Schweizer war. Aber es gibt keine österreichische oder schweizerische Sprache, sondern Frisch und Handke schreiben oder schrieben deutsch.

Navid Kermani, 1967 als Sohn iranischer Eltern in Siegen geboren, hat dieser Tage einen Vortrag für die Konrad-Adenauer-Stiftung über das Thema "Was ist deutsch an der deutschen Literatur?" verfasst, und gleich zu Beginn erwähnt er jenen Schriftsteller, der ihn als Schüler am meisten beeindruckt hat: Franz Kafka.

Ist Kafka ein deutscher Schriftsteller? Er lebte in Prag, das bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte. Seine Muttersprache war Deutsch, aber mit den Dienstboten redete er tschechisch. Wir könnten ihn also einen österreichischen Schriftsteller nennen, zumal ihn, wie Kermani zeigt, mit Deutschland wenig oder nichts verband.

Es ist klar, dass die Bezeichnung "deutsch" im Fall der Literatur etwas anderes meint als die nationale Zuschreibung. Der deutsche Nationalstaat ist bekanntlich eine späte Erfindung. Als Schiller und Goethe schrieben, gab es ihn noch nicht. Von Wolfram von Eschenbach oder Hartmann von Aue ganz zu schweigen. Heute ist Deutsch die in Europa am häufigsten gesprochene Sprache, aber wir würden einen deutsch sprechenden Luxemburger oder Dänen oder Norditaliener niemals einen Deutschen nennen. Was aber, wenn er großartige Gedichte schriebe?

Kermani jedenfalls sagt in schöner Unbefangenheit, für ihn seien Robert Walser oder Heimito von Doderer Deutsche, "aber nicht im politischen Sinn, sondern als Angehörige der deutschen Literatur, die nicht identisch ist mit der deutschen Nation". Es ist nicht sicher, dass sich jeder Österreicher oder Schweizer über diese Bemerkung freut. Kermani will darauf hinaus, dass die Besonderheit der deutschen Literatur gerade darin besteht, solche Grenzen zu überschreiten. Zugespitzt könnte man sogar sagen: Die deutsche Literatur ist mehrheitlich gar nicht von Deutschen geschrieben worden, jedenfalls nicht von denen, die sich für besonders deutsch gehalten haben. Es waren überproportional viele Juden, es waren Bewohner der k. u. k. Monarchie, und oft kamen sie von den Rändern, wie Joseph Roth, der aus Galizien stammte, oder Ödön von Horváth, der einen ungarischen Vater hatte und in Rijeka geboren wurde.

Die Etymologie lehrt uns, dass "deutsch" vom althochdeutschen "diutisc" herkommt, was "zum Volke gehörig" heißt. Die Harmlosigkeit dieser Bedeutung ist nicht wiederherstellbar, und deshalb werden wir ohne die hässliche, aber exakte Bezeichnung "deutschsprachig" vermutlich auch in Zukunft nicht auskommen. Ulrich Greiner