Es kommt selten vor, dass sich jemand für ein Erdbeben entschuldigt: Nachdem am letzten Freitag ein Erdstoß der Stärke 3,4, verbunden mit einem lauten Knall, die Basler Bevölkerung geängstigt hatte, reagierte die Behörde tags drauf mit mea culpa. Sie bedaure die »unerwartet starken Nebenwirkungen des Projektes«, heißt es in der denkwürdigen Medienmitteilung der Krisenorganisation Basel-Stadt. BILD Tiefer bohren für Erdwärme

Die seismischen Nebenwirkungen waren die direkte Folge eines Pilotprojektes zur Gewinnung von Erdwärme. Mittels einer Technologie namens deep heat mining soll das riesige Wärmereservoir im Untergrund der Region angezapft werden. Im Mai dieses Jahres begann die Geopower AG unter Beteiligung der Stadt mit der Bohrung eines 5000 Meter tiefen Lochs. Von Anfang Dezember an pressten die Verfechter der als umweltfreundlich propagierten Technologie Wasser mit zunehmendem Druck in die künstlichen Schächte, um in der Tiefe Risse im Gestein zu vergrößern. Durch diese Kanäle soll dereinst Wasser fließen und in einem Kreislauf heißer Dampf an die Oberfläche gelangen, der Turbinen zur Elektrizitätserzeugung antreibt.

Mit Drücken bis zu 200 bar sollten Mikrobeben erzeugt werden, die das Gestein weiten. Kaum wahrnehmbare Mikrobeben der Stärke eins bis zwei haben die Seismologen erwartet. Zu Beginn verlief alles nach Plan, es rüttelte unmerklich im Boden. Letzte Woche dann machten sich die ersten Stöße bemerkbar, es krachte vernehmlich, in der Stadt waren Erschütterungen spürbar. Vorläufiger Höhepunkt: der Rums mit der Stärke 3,4. Erschrocken sind nicht nur die Stadtbewohner, sondern auch die Verantwortlichen. Rasch verringerten sie den Druck.

Jetzt häufen sich die Nachbeben – in der Politik. Ausgerechnet in Basel, so lautet die Kritik, wird ein Pilotprojekt durchgezogen, dessen seismische Risiken nicht kalkulierbar sind. Die Stadt wurde 1356 von einem Beben der geschätzten Magnitude 6,5 in Schutt und Asche gelegt. Niemand könne ausschließen, dass die vermeintlich harmlosen Mikrobeben ein Megaereignis in Gang setzten. Nun versuchen die Erdwissenschaftler, die Vorgänge aufzuklären.

Eine gute Erklärung brauchen sie. Denn seit dem Knall hat die Branche ein Imageproblem. Die deutsche Geothermische Vereinigung bietet den Schweizern umgehend argumentative Unterstützung an. Die Arbeiten in der Unterwelt, schreibt sie, hätten angeblich viel gefährlichere Spannungen abgebaut. Dieser Druck hätte sich »auch weiterhin unbemerkt verstärken können und sich vermutlich später zu einem echten Schadensbeben auswirken können«.

Ob das Projekt weitergeführt wird, entscheidet sich frühestens in zwei Wochen, wenn die Analysen abgeschlossen sind. Der Schweizer Energieminister ließ verlauten, an der umweltfreundlichen Technologie werde festgehalten. Die Begeisterung der Basler Bevölkerung hält sich derweil in Grenzen. Sie beging soeben das große Basler Beben in mehreren Gedenkfeiern – 650 Jahre danach.

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