Wie oft wurde der Regenwald am Amazonas in den vergangenen 40 Jahren totgesagt? Erst schlugen gigantische Straßenbauprojekte der brasilianischen Militärdiktatur Tausende Kilometer lange Schneisen in das Dickicht. Dann kamen die Siedler, mit staatlichen Prämien gelockt. Dann illegale Tropenholzräuber. Später starb der Regenwald durch die Sägen der Großfarmer, die sich mit Sojaplantagen und Rinderweiden eine goldene Nase im Exportgeschäft verdienten. Seit 1960 schrumpfte der Amazonas-Wald um die Fläche Frankreichs. Das ist Grund zur Sorge – aber keineswegs zu Endzeitstimmung. Nach 40 Jahren Abholzen ist der Wald noch immer so groß wie die gesamte Europäische Union. Dort, wo er noch steht –, auf immerhin 83 Prozent seiner ursprünglichen Fläche – geht es ihm überraschend gut. Und die Aussicht ist nicht schlecht, dass er auch künftig gedeihen kann. Denn in Brasilien wächst die Überzeugung, dass eine umsichtige Nutzung des Waldes auf Dauer weitaus profitabler ist als seine Abholzung.

Wie das geht, wollen an einem Montag im November ein Dutzend junge Leute erkunden. Im Schnellboot sind sie, allesamt Studenten der Forstwirtschaft, von der Zwei-Millionen-Metropole Manaus auf die unbewohnte Seite des Rio Negro gekommen, an den Füßen Gummistiefel, über den Schultern Taschen mit Proviant und Messgeräten. Wenige Fußminuten vom Ufer entfernt haben sie einen Hektar Wald mit Plastikbändern markiert und bestimmen jetzt systematisch die Vegetation. Rund 500 Bäume stehen hier. Art, Stammumfang, Höhe, Ausdehnung der Krone, Alter – das sind die Grunddaten, die die Jungforscher in Listen eintragen. Dazu Angaben über Bodenfeuchte, Zahl und Stärke der Sprösslinge. Die Höhe der jährlichen Überschwemtmung lesen sie an deutlichen weißen Ringen an der Rinde ab. Rund 3,50 Meter sind es hier, an anderen Stellen des Amazonas und seiner Zuflüsse steigen die Pegel in der Regenzeit um bis zu 12 Meter. Ein Fünftel des Waldes steht dann im Wasser. Wie funktioniert seine Erneuerung unter derart extremen Bedingungen? Wie kann er genutzt werden? Was passiert, wenn in den Regenzeiten – wie 2004 und 2005 – weit weniger Niederschlag fällt als im Durchschnitt?

"Von dem Trockenstress ist heute nichts mehr zu sehen", sagt Jochen Schöngart, "der Wald hat sich vollständig erholt." Der Forstwissenschaftler des Plöner Max-Planck-Instituts für Limnologie, das in Manaus eine Außenstelle betreibt, zeigt den Studierenden, wie man den Bohrer ansetzen muss, um einen langen Span aus dem Baum zu ziehen. Deutlich sind darauf die Jahresringe zu erkennen. Sie zeigen nicht nur das Alter des Baumes, sondern geben auch Aufschluss über das Klima der Vergangenheit. Ein dünner Ring bedeutet, dass der Baum in der Regenzeit lange unter Wasser gestanden hat. Dann können ihn die feinen Wurzelhärchen wegen des Sauerstoffmangels im Boden nur schlecht versorgen. Ein breiter Ring steht für eine kurze Überschwemmungszeit.

Aus diesen Daten, zusammen mit den Pegelständen, die seit 1903 am Zusammenfluss von Rio Negro und Rio Solimões zum Amazonas gemessen werden, hat Schöngart die Klimageschichte der vergangenen 200 Jahre rekonstruiert. Er fand dabei keinen Beleg für die immer wieder von Medien und Wissenschaftlern geäußerte Sorge, dass Abholzung und Klimawandel den brasilianischen Regenwald austrocknen lassen. Fünf Mal zwischen 1903 und 1963 war die Regenzeit noch trockener als 2004. Doch da hatten Rodungen und Klimawandel noch gar nicht begonnen. Jedes Mal hat der Regenwald sich schnell erholt, vor allem dank seiner Vielfalt. Mehr als tausend verschiedene Baumarten wachsen in den Überschwemmungsgebieten. Jede reagiert anders auf veränderte Umweltbedingungen. Ebenso die Fauna: Seitenarme des Amazonas, die sich vor zwei Jahren in tote Rinnsale verwandelt hatten, sind heute wieder voller Fische. Viele Arten hatten sich in tieferes Wasser zurückgezogen, andere haben im Schlamm überlebt.

Das Wissen über solche ökologischen Zusammenhänge ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen. Nirgends sonst ist es so konzentriert wie am Inpa, dem Brasilianischen Institut für Amazonas-Forschung in Manaus. Mehrere hundert Wissenschaftler arbeiten in Büros und Labors, die über die Fläche eines ganzen Stadtteils unter dem Blätterdach des so genannten Wissenschaftswaldes verstreut liegen. In einem kleinen Kellerbüro sitzt, verschanzt hinter Türmen aus Pappkartons und vergilbten Broschüren, Philip Fearnside. Mit seinem überdimensionalen grauen Schnauzer hat der schlaksige US-Amerikaner die Ausstrahlung eines freundlichen Waldschrats. Seine Forschungsergebnisse verteilt Fearnside auf einer CD, die in abgerissenes braunes Packpapier eingeschlagen ist. Viele seiner mehr als 300 Fachaufsätze sind in Science oder Nature erschienen. Er ist der am zweithäufigsten zitierte Wissenschaftler zum Thema Treibhauseffekt. Schon in den siebziger Jahren hatte Fearnside als einer der Ersten vor der Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes gewarnt.

Fearnside hat hochgerechnet, welchen Beitrag der Verlust an Regenwald zum Klimawandel leistet. 27.200 Quadratkilometer wurden 2004 am Amazonas gerodet. Das habe 500 Millionen Tonnen Kohlenstoff freigesetzt, der in der Vegetation gebunden war, viermal so viel wie Brasilien im selben Zeitraum mit dem Verbrennen von Öl, Kohle und Erdgas emittiert hat. Die Zahl ist bedrückend – und birgt doch zugleich eine große Chance. Denn sie zeigt den ökonomischen Wert des Waldes als Kohlenstoffspeicher. Lange sah Brasiliens Regierung in der Forderung nach Schutz des Regenwaldes eine unzulässige Einmischung in die eigene Entwicklungsstrategie. Inzwischen zeigt sie Bereitschaft, Entwicklungszahlungen im Tausch für das Eindämmen der Rodungen zu akzeptieren.

"Das ist nur ein erster Schritt, aber er ist sehr positiv", sagt Fearnside. Denn ein ökonomischer Anreiz, das ist dem Forscher nach 30 Jahren in Amazonien klar, ist der beste Schutz für den Regenwald. Das zeigt sich schon heute. Seit der Weltmarktpreis für Sojabohnen sinkt, nimmt auch die gerodete Waldfläche ab. Gegenüber dem Spitzenwert von 2004 hat sie sich inzwischen fast halbiert. Anders als in Südostasien sind in Brasilien nicht Hunderttausende Kleinbauern, sondern vor allem große Farmen für die Entwaldung verantwortlich. Oft waschen sie mit ihren Plantagen Geld aus Drogenhandel und anderen illegalen Geschäften, Arbeitsplätze entstehen kaum. "Niemand muss hungern, wenn die Entwaldung gestoppt wird", sagt Fearnside.