An einem trüben Januartag des Jahres 1761 gingen fünf Wissenschaftler an Bord eines Segelschiffes, das sie von der Kopenhagener Reede aus durch die Nordsee, die Biskaya und das Mittelmeer bis Konstantinopel bringen sollte. Von dort aus wollten sie über Ägypten und das Rote Meer bis zur Südspitze Arabiens reisen, in das unbekannte Wunderland des Weihrauchs, der Myrrhe und der begehrten Kaffeebohnen, das seiner sagenhaften Schätze wegen seit alter Zeit Arabia felix, das »glückliche Arabien« genannt wurde. Reiseweg der Großen Expedition in den Orient 1761-1767. Für die Gesamtansicht auf das Bild klicken BILD

Der Zeitpunkt der Abreise indes hätte unglücklicher nicht gewählt sein können; im Winter zeigt die Ostsee ihr grimmigstes Gesicht. Dennoch versuchte der Kapitän mehrfach vergeblich, gegen die wütende See die Fahrt durch Kattegat und Skagerrak zu erzwingen, musste aber immer wieder kehrtmachen, bis schließlich der Philologe der kleinen Wissenschaftlergruppe in Todesangst bat, von Bord gehen zu dürfen, und zu Land nach Marseille weiterreiste.

Erst im März gelang die Durchfahrt, doch die Stürme jagten den Segler bis unter die isländische Küste, bevor er ruhigeren Kurs nach Süden nehmen konnte. Am 30. Juli 1761 kamen die Reisenden in Konstantinopel an.

Angeregt hatte die Unternehmung acht Jahre zuvor Johann David Michaelis, ordentlicher Professor der Weltweisheit und Orientalist an der noch jungen Göttinger Universität. Er erhoffte sich von der Reise vor allem Aufschlüsse über den Realitätsgehalt des für die Christenheit »allerwichtigsten Buches«, der Bibel. Den »großen Nutzen« einer solchen bibelkundlich ausgerichteten Expedition für die »Erklärer der Heiligen Schrift« pries er 1756 auch in einem Brief an den Chef der Deutschen Kanzlei in Kopenhagen, Johann Hartwig Ernst von Bernstorff, dem es tatsächlich gelang, den dänischen König FriedrichV. für diesen Plan zu begeistern.

Michaelis begann ein Konzept auszuarbeiten und bat per Rundschreiben die Mitglieder der internationalen Gelehrtenrepublik um Fragen, »die sie von den Reisenden beantwortet zu sehen wünschten«. Es ging ihm augenscheinlich um eine europäische Unternehmung zum Nutzen der empirischen Wissenschaften, daneben wohl auch zum Nutzen der eigenen Reputation.

Nach und nach fand der Professor auch die seiner Meinung nach geeigneten Spezialisten für die gefahrvolle Reise: den Philologen und Ethnologen Friedrich Christian von Haven, zum Zeitpunkt der Abreise 34 Jahre alt, den Botaniker und Zoologen Peter Forskål (29) und den Mathematiker und Landvermesser Carsten Niebuhr (28), allesamt gerade dem akademischen Unterricht entwachsene Absolventen der Göttinger Alma Mater. Kurz vor der Abreise kamen drei weitere Teilnehmer hinzu: der Arzt Christian Carl Kramer (29), der Zeichner und Kupferstecher Georg Wilhelm Baurenfeind (32) und als Bediensteter ein schwedischer Dragoner, von dem heute nur noch der Nachname bekannt ist: Berggren.

Von Beginn an war die Unternehmung – es war die erste wissenschaftliche Expedition aus dem Abendland in das Morgenland überhaupt – mit Widrigkeiten verbunden. Erst verzögerte sich die Abreise, weil Haven auf Kosten des Königs zu Sprachstudien in Rom weilte und zu spät zurückkehrte, dann gab es Streit um die Teilnehmer und deren Kompetenzen, schließlich kam der Fragenkatalog viel zu spät. Bei der Abreise lagen »nicht mehr als zwei ganz kurze Fragen« vor, wie Carsten Niebuhr in seiner Beschreibung von Arabien etwas süffisant anmerkte. Die restlichen wurden in mehreren Teilen erst während der Reise übermittelt; am Ende waren es hundert.