Alle Fachbücher, alle Fremdenführer verkünden es als gesicherte Wahrheit: Das Pantheon in Rom sei von Kaiser Hadrian gebaut worden, in den Jahren zwischen 118 und 125 nach Christus.Mit dem grandiosen Allgöttertempel, der eigentlich als Thronsaal konzipiert worden sei, habe sich der exzentrische Imperator als friedliebender Weltherrscher inszenieren wollen.So erklärten bisher Kenner das Projekt. Sie werden umdenken müssen.Lise Hetland, eine am Londoner Courtauld Institute of Art forschende Norwegerin, rückt die Theorie von der Entstehung des Pantheons zurecht und schreibt damit eines der wichtigsten Kapitel der römischen Architekturgeschichte um.Nach den Befunden ihrer Doktorarbeit, die sie jüngst auf einer Tagung in Bern vorstellte, war es nicht Hadrian, sondern sein Vorgänger Trajan, der das Bauwerk initiierte. Gewaltig rumort habe es im Saal bei Hetlands Vortrag, erzählt Tagungsorganisator Michael Heinzelmann.Aber die junge Forscherin konnte auch vehemente Verfechter der traditionellen Datierung überzeugen. Die von Hetland präsentierten Fakten lassen sich nicht vom Tisch wischen, räumt Wolfram Martini von der Universität Gießen ein, wir werden gründlich nachdenken müssen. Der Werdegang des Pantheons ist verworren.Der mächtige Kuppelbau von heute war bereits die dritte Version, fertig gestellt im zweiten Jahrhundert nach Christus und seitdem unzählige Male umgemodelt.Für ihre Nachforschungen setzte Lise Hetland bei den Schriften des deutschen Historikers Herbert Bloch an, der 1938 das Standardwerk zum Pantheon geschrieben hat.Und sie wagte erstmals, Blochs Arbeit zu hinterfragen.Weil die antiken Schriftquellen zum Pantheon vage sind, stützte Bloch seine Datierung des Baubeginns auf Stempelabdrücke, die einige Ziegel des Pantheons tragen.Der Zweck der Markierungen ist ungeklärt, aber sie verraten den Hersteller und manchmal auch die Namen der regierenden Konsuln, weshalb sie sich zeitlich präzise einordnen las sen.Für die römische Architekturgeschichte spielen diese Prägestempel deswegen eine wichtige Rolle und sind entsprechend gut erforscht.Man kennt heute eine ganze Reihe von Ziegeleibesitzern namentlich und weiß, wann sie lebten, wo sie produzierten un d wie sich ihre Besitzermarken im Lauf der Zeit veränderten.Bloch dachte einst, auf Pantheon-Ziegeln die Namen von Baustoffherstellern erkannt zu haben, die zur Zeit von Kaiser Hadrian produziert hatten.Auf anderen jedoch sah er Prägungen aus der Zeit Trajans.Diese störenden Relikte unterschlug Bloch schlicht. 70 Jahre lang blieben sie vergessen bis Hetland sie mit frischen Augen sah. Die Forscherin zählte insgesamt 70 gestempelte Ziegel. 17 stammten eindeutig aus trajanischer Zeit.Bloch hatte sie als altes oder wiederverwendetes Baumaterial abgetan.Gleiche Stempel fand Hetland in Rom auch an anderen, eindeutig trajanischen Bauwerken, so im Forum, in den Thermen und den Märkten Trajans.Einem dieser Ziegeleibesitzer namens M.Rutilius Lupus, der von 114 bis 117 nach Christus produzierte, hat sie genauer nachgespürt.Im Pantheon sind fünf von ihm gestempelte Ziegel beka nnt, was Bloch damit erklärte, dass Lupus seine Produktion vier bis fünf Jahre zurückgehalten habe, um den Preis in die Höhe zu treiben.Das schien Hetland ökonomisch unsinnig.Ihr Szenario: Lupus produzierte und verkaufte sofort an die Baustelle P antheon, wo seine Ware auch umgehend verwendet wurde. Um damals bei seiner Deutung bleiben zu können, musste Bloch noch weiter gehen.Neben unpassend datierten Stempeln fand er auch zahlreiche nicht datierbare Marken, die er flugs als hadrianisch einstufte, weil sie ja in einem angeblich hadrianischen Bauwerk verbaut waren ein gigantischer Zirkelschluss, sagt Heinzelmann. Lise Hetland rückt die Argumente gerade: Nur ein einziger Stempel stammt wirklich aus hadrianischer Zeit, und der Ziegel, der ihn trägt, liegt hoch oben im Gebäude und stammt somit wohl aus der Endphase des Baus.Hetland folgert, dass der Bau des Pantheons gegen Ende der Regierungszeit Trajans, spätestens im Jahr 114, begonnen und kurz nach dem Regierungswechsel zu Hadrian im Jahr 118 beendet wurde.Ihre Neudatierung strahlt über das Pantheon hinaus in weite Teile der römischen Architektur geschichte.Denn viele Bauten in Rom wurden mit Hilfe der Pantheon-Ziegelstempel datiert falsch, wie wir heute wissen.