Rote Flüssigkeit blubbert in einem Glasbehälter. Er misst kaum 30 Zentimeter im Durchmesser und steht in einem fast mannshohen Apparat mit unzähligen Hebeln und Röhren, die Nährmedium in das Glas leiten. Hier werden sie gezüchtet, gepflegt und überwacht, die Zellen der Henrietta Lacks. Besucher mag es befremden, vor den Zellen einer Toten zu stehen, doch für die Biologen ist das längst nichts Ungewöhnliches mehr. Ähnliche Apparate mit »HeLa-Zellen« stehen schließlich heute in unzähligen Labors weltweit. Hela-Zellen sind nach ihrem Opfer Henrietta Lacks benannt. Sie pflanzten sich in anderen Zellkulturen fort BILD

Die jungen Studenten, die hier an einem Max-Planck-Institut in Göttingen mit den nach Henrietta Lacks benannten Zellen experimentieren, sitzen an Doktorarbeiten zur Genforschung. Für die Herkunft dieser Zellen interessieren sie sich wenig – so wie ein Automechaniker auch nicht über den Erfinder des Schraubenschlüssels nachdenkt. Sie wissen, dass es menschliche Krebszellen sind, von »einer Amerikanerin, die in den fünfziger Jahren ihren Körper der Wissenschaft gespendet hat«.

Dass sich in der roten Flüssigkeit aber nicht nur die Geschichte der modernen Zellbiologie und der Schlüssel zur Polio-Impfung verbergen, sondern auch eine dramatische menschliche Geschichte, die vom Kampf um Anerkennung und der allmählichen Entwicklung ethischer Standards in der Medizinforschung erzählt, ist den wenigsten Jungforschern bewusst.

Die Geschichte beginnt 1951 an einem grauen Februartag im amerikanischen Baltimore. Die damals 31-jährige Henrietta Lacks hat Blutspuren in ihrer Unterwäsche gefunden und lässt sich in der nahe gelegenen Johns-Hopkins-Universitätsklinik untersuchen. Die Ärzte dort bestätigen einen schlimmen Verdacht: Henrietta Lacks hat Gebärmutterhalskrebs, und der Tumor ist sehr groß. Niederschmetternde Neuigkeiten für die junge Frau und ihre Familie, denn Henrietta Lacks ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Vor der ersten Bestrahlung nimmt ein junger Assistenzarzt eine Zellprobe für den Wissenschaftler George Gey, der die Zellkulturforschung in der Johns-Hopkins-Klinik leitet. Das ist nichts Besonderes, die Forscher nehmen Proben, wo immer sie können. Die Zellkulturtechnik steckt noch in den Kinderschuhen; die Wissenschaftler müssen herausfinden, welche Behälter und Nährlösungen sich am besten für die Zellen eignen. Während es bereits gelingt, einige tierische Zellen im Labor am Leben zu erhalten, hat das noch niemand mit menschlichen Zellen geschafft. Aber gerade die bräuchte man dringend, um Krebs oder Viruserkrankungen bekämpfen zu können.

Auch im Labor wuchern die Zellen ungehindert weiter

»George Gey und seine Frau haben zu der Zeit nichts unversucht gelassen, um mehr über Zellkulturen zu lernen«, erklärt der Zellbiologe und Leukämieforscher Hans Drexler. Bei dem Abteilungsleiter in der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ) in Braunschweig können Forscher heute HeLa-Zellen anfordern. »Die Geys haben es mit Plazentazellen und anderen menschlichen Zellen versucht. Sie sind sogar in die Schlachthöfe gegangen, um tierische Zellen zu bekommen. Sie mussten eine ganz neue Technik entwickeln und immer wieder Neues lernen.« Und viel Erfolg hatten sie dabei zunächst nicht – bis sie Henrietta Lacks’ Krebszellen in die Hände bekamen.