Stier hoch drei«, sagte Tante Judy, wenn sie jemandem vorgestellt wurde, und sie sagte das so oft, dass wir nicht einmal mehr die Augen verdrehten. »Und das ist unsere Tante Judy«, sagte zum Beispiel meine Mutter, die einen neuen Tennispartner angeschleppt hatte – weiß Gott, wo sie die immer auftrieb. »Habe die Ehre«, sagte der Mann, meistens Rechtsanwalt, Arzt oder Steuerberater, und Tante Judy quiekte ein bisschen, wenn sie ihm die Hand gab, und sagte dann: »Stier hoch drei!« Eine eindeutige Konstellation an der Fußgängerampel. Von links nach rechts: Schütze, Zwillinge, Waage und Fische BILD

Doch die soignierten älteren Herren, die meine Mutter zum Tennisspielen warb, waren auf diesem Ohr taub. Ich erinnere mich an keinen, der nachgefragt hätte. Sie nickten freundlich-abwesend. Meine Schwester meint, sie alle hätten wenig soziale Intelligenz besessen, diese Herren. Ich dagegen glaube, es lag daran, dass sie Männer waren. Frauen reagierten immer, wenn Tante Judy »Stier hoch drei« sagte. Die Mehrzahl war irritiert, weil sie es auf Anhieb nicht verstand, was Tante Judy die ersehnte Gelegenheit schenkte, ihren unerträglichen Witz zum x-ten Mal zu erklären (Sternzeichen Stier, Aszendent Stier, ständig pleite, auf Wienerisch »stier«). Doch einmal antwortete eine Rothaarige: »Doppelter Skorpion und zum Glück gut geerbt.«

Da verfinsterte sich Tante Judys Miene. Sie hasste Skorpion-Frauen, wie wir alle wussten, die wir ja auch ihren Stier-Spruch zum Erbrechen oft gehört hatten. Sie protestierte wütend, wenn wir ihre Abneigung dahingehend vereinfachten, dass sie alle Skorpione ablehne. »Um Himmels willen, ein Zwölftel der Menschheit«, zeterte sie, »nein, nein, nur die Frauen.« – »Also nur ein Vierundzwanzigstel der Menschheit«, stellte meine Schwester messerscharf fest, »und was ist mit den Löwen, Aszendent Schütze?« – »Bei denen bin ich vorsichtig«, gab Tante Judy zurück, »das hat nichts mit nicht mögen zu tun.« Das war Tante Judy, klein, dick, alterslos, immer in wild gemusterten so genannten Hängerkleidern. Geflochtene Ledergürtel dort, wo früher ihre Taille war, woran sich aber kein lebender Mensch erinnern konnte. Unverheiratet, vermutlich unberührt, bis auf eine geheimnisvolle, unglückliche Episode vor unvordenklichen Zeiten, ich vermute, mit einem Löwen, Aszendent Schütze. Seit je besessen von Astrologie, Summa: »A pain in the ass«, wie Tante Lia sagte, die ebenso unverheiratet, dafür aber studierte Physikerin war.

Bekamen wir schlechte Noten, lag es am Sternzeichen des Lehrers

In unserer Kindheit setzte Tante Judy alles daran, uns mit ihrem Wahn zu infizieren. Kam ich aus der Schule, verprügelt, mit zerschundenen Knien, und heulte: »Der Franzi und der Wolfi haben mich…«, dann nickte sie verständnisvoll und sagte: »Ein Pech, die Klasse. Zu viele Widder und Löwen für jemanden wie dich.« Hatte meine Schwester zum wiederholten Mal eine Fünf in Latein, stritten meine Eltern und Tante Judy. »Ein Antisemit«, sagte mein Vater über den Lehrer. »Ein Steinbock«, konterte Tante Judy. »Sie ist ein faules Stück«, fand meine Mutter.

Deshalb habe ich schon als Kind nicht reagiert, wenn ich nach meinem Sternzeichen gefragt wurde. »Weiß ich nicht«, murmelte ich mürrisch, und wenn es mir jemand triumphierend sagte – es sind fast immer Frauen, die zu allen Monaten die Tierkreiszeichen wissen –, dann sagte ich unfreundlich: »Bei uns zu Hause glauben wir an so was nicht.« Das, aus Kindermund, bringt die Leute meistens zum Schweigen.

Doch in Wahrheit wurde in meiner Familie ein wahrer Krieg der Sterne geführt, ein erbitterter Kampf der Aufklärung gegen den Aberglauben. Das führte unvermeidlich dazu, dass wir mehr über Astrologie wussten als alle meine Freundinnen, die einander im Schulbus kichernd ihre Horoskope vorlasen. Zeitungshoroskope verachtete Tante Judy übrigens. Sie vertraute nur den komplizierten individuellen Berechnungen ihrer persönlichen Sterndeuterin, die sich doch tatsächlich Madame Bernadette nannte, obwohl sie zivil Hertha Blaha hieß.