Der Brief kommt aus Schweden und datiert vom 9. März 1910. Gerichtet ist er an den "Staatssekretär für die Angelegenheiten Altenbergs"; der Absender heißt Simon Skøld. Er wolle, schreibt er, "aus prinzipiellen Gründen Mitbürger von einem Land mit internationaler Neutralität – wie zum Beispiel Altenberg – werden", und er erbittet Auskunft über die Bedingungen. Doch das Ansinnen bleibt fruchtlos. Altenberg, oder Moresnet, wie es die Belgier nennen, ist zwar in gewisser Weise neutral. Ein Staat jedoch, ein eigenständiger gar, ist es nicht, auch wenn um die Jahrhundertwende Postkarten vom "Vierländerblick Deutschland – Belgien – Niederlande – Neutral-Moresnet" grüßen und eine Zeit lang sogar eigene Briefmarken in Umlauf sind.

Es mögen Zeitungsartikel gewesen sein, die Herrn Skøld zu seinem Schreiben inspiriert haben, wie jene Reportage in der Illustrierten Welt, die unter dem Titel Das kleinste Land Europas erschien. Zur Verwirrung des Schweden beigetragen haben mag auch die Tatsache, dass Neutral-Moresnet im Jahr 1908 zur Hauptstadt der Esperanto-Sprache ausgerufen wurde, mit eigenem "Konsul", eigener Flagge und eigener Hymne: "O Altenberg, o Altenberg, du kannst mir sehr gefallen" – gesungen auf die Melodie eines bekannten Weihnachtsliedes. Über 150 internationale Zeitungen berichteten damals.

"Zwei Stunden von der alten Kaiserstadt Aachen, zwischen den Königreichen Preußen und Belgien, liegt das sogenannte neutrale Gebiet von Moresnet" – so beginnt 1896 der Journalist Otto Spoo seine Reportage. "Seiner geographischen Lage nach grenzt das Neutralgebiet, welches die Form eines nach Norden hin lang zugespitzten stumpfwinkligen Dreiecks hat, im Osten und Süden an Preußen, im Westen an Belgien." Worum es sich bei diesem "Neutralgebiet" völkerrechtlich genau handelt, vermag bis heute niemand zu sagen: Autonomes Gebiet, Kondominium, sogar Zwergrepublik ist es genannt worden. Doch das alles trifft es nicht. Neutral-Moresnet ist ein geschichtliches Unikum und ein staatsrechtliches Kuriosum. Vor allem ist es ein mächtepolitisches Provisorium. Aber wie das so ist mit Provisorien: Sie halten oft recht lange – in diesem Fall ein ganzes Jahrhundert.

Immer wieder wurden Verhandlungen über den Status aufgenommen, stets ohne Ergebnis. So überstand Neutral-Moresnet unangetastet die belgische Revolution von 1830, als sich die südlichen Niederlande zum Staat Belgien erklärten, den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und die Errichtung des deutschen Kaiserreiches. 100 Jahre lang blieb es staatsrechtliches Niemandsland. Und wer weiß, vielleicht wäre doch noch ein Briefmarkenstaat wie Andorra oder San Marino daraus geworden, hätte nicht der Erste Weltkrieg seiner Existenz das Ende bereitet.

Entstanden war das Kuriosum während des Wiener Kongresses 1815, als Europa nach den Napleonischen Kriegen neu geordnet und manche Grenze neu gezogen wurde. Artikel 25 der Schlussakte beschreibt die Grenzen Preußens, Artikel 66 die der Niederlande. Ein Gebiet wird von beiden Seiten beansprucht: die Gemeinde Moresnet.

Was lockte dort? Worum ging der Streit? Es ist nicht dokumentiert. Man tritt den Herrn Emissären aber wohl nicht zu nahe mit der Vermutung, dass es kaum die "freundliche Landschaft" gewesen sein wird, die "von der Sohle des Altenbergs langsam ansteigend [] ins Tal mit seinem spiegelhellen See" lacht, wie Journalist Spoo schreibt. Beiderseitige Begehrlichkeiten dürften wohl eher die großen Galmeigruben geweckt haben, die sich auf dem umstrittenen Territorium finden – die größten in Europa. Das Mineral Galmei ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts einer der begehrtesten Rohstoffe, weil es zur Zink- und Messingherstellung unentbehrlich ist. Die Galmeigruben von Moresnet sind alt, wahrscheinlich haben schon die Römer dort geschürft. Napoleon ließ den Abbau stark erweitern, und bald sollten die Gruben die Zinkhütten in ganz Europa beliefern.