Bis zum nächsten Abschlussexamen der turkmenischen Mittelschulen muss der Kanon der Wahlpflichtthemen überarbeitet werden: Die Aufsatztitel »Der Pfad des Führers ist der Pfad der Gesundheit« und »Mag es immer Frieden und Turkmenbaschi geben« haben sich in Turkmenistan überholt.Am vergangenen Donnerstag blieb das Herz des zentralasiatischen Diktators Saparmurad Nijasow, der sich als »Oberhaupt aller Turkmenen« Turkmenbaschi nennen ließ, stehen.Der exzentrische Despot starb mit 66 Jahren am Geburtstag eines anderen »Vaters aller Völker«, Stalins, den er in seinem Personenkult noch übertrumpfte. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ließ den in Intrige und Unterdrückung geübten Parteifunktionär vom Provinzsatrapen zum Kaiser von eigenen Gnaden über ein Fünfmillionenvolk, Gas, Öl und viel Wüstensand emporschnellen.Sowjetische Strenge verwob er mit östlicher Herrschervergötterung.Die Opposition trieb er ins Exil oder ins Gefängnis.Eine Anklage ließ sich immer finden in Turkmenistan, dessen Staatsschwur lautet: »Lass meine Zunge herausfallen, wenn ich mein Vaterland verrate.« Turkmenbaschi liebte Marmor und Brillanten, Letztere vor allem an den eigenen Fingern. » Diamantenkranz des Volkes« lautete, ganz ohne Ironie, ein weiterer seiner Ehrentitel.Das Erdgas des Landes hielt ihn an der Macht, zumal in Turkmenistan die Trennung von Staatshaushalt und Privatkonto weniger streng gesehen wird.Seinem Konterfei konnte keiner entrinnen: Als Senderlogo prangte es im Staatsfernsehen, ansonsten auf Geldscheinen, an Beamtenrevers, auf Keramikvasen.Turkmenbaschis vergoldete, 12 Meter hohe Statue dreht sich in der Hauptstadt Aschgabat mit der Sonne, damit nie ein Schatten auf das Gesicht fällt.Am Nationalfeiertag seines Geburtstages sangen ihm 30000 Untertanen ein Ständchen, und das Fernsehen ließ in Untertiteln die Verse aufleuchten: »Allmächtiger!Du hast die Menschen auf den Weg des Lichts gebracht!« In seiner Diktatorenfibel Ruhnama, dem »Buch der Seele«, vermischte Turkmenbaschi moralische Lebensratschläge mit wüstenphilosophischen Aphorismen und der historischen Sensation, dass die Turkmenen das Rad erfunden hätten.Das zweibändige Werk gehört zur Pflichtlektüre in Schulen, an Universitäten und zur Führerscheinprüfung. 2003 ließ er sich von seinem Ministerkabinett zum Propheten ausrufen.Die sechste Auszeichnung als Held Turkmenistans lehnte er vor zwei Jahren allerdings in einem Anfall von Bescheidenheit ab. Zuletzt träumte Turkmenbaschi von einem künstlichen Meer, das er durch die Umleitung eines Flusses in der Wüste Karakum schaffen wollte.Ein Zoo mit Pinguingehege sollte trotz 40 Grad Hitze das Ensemble abrunden.Seinem Volk strich er zugleich die Renten zusammen und schloss alle Krankenhäuser außerhalb der Hauptstadt.Als Erbe hinterlässt er mehr als 100 Straßen, Kolchosen, Armeeeinheiten sowie eine Meeresbucht, eine Stadt, einen Monat und eine Melonensorte, die nach ihm benannt sind.Schon in seiner Jugend, erzählte er gern, habe ihm im Traum »ein Engel« die künftige Präsidentschaft verkündet.