Eigentlich reichen ein paar Sekunden, um zu sehen, was im Fernsehen vor sich geht. Selbst wenn sich das Programm über die Jahre wandelt, Sendungen wechseln, Gesichter auftauchen und gehen, das Entscheidende, nämlich das Verhältnis zum Zuschauer, ändert sich nie.Fernsehen hat als Aufklärung und Diktat begonnen. Niemand, egal ob ARD oder RTL, stellt infrage, dass einer sendet und Millionen zuschauen, dass einer auswählt und Autorität übt. Anfangs, in den fünfziger Jahren, sorgten und beugten sich sogar jene vor dem Fernsehen, die dafür verantwortlich waren. Sie fürchteten, das neue Medium könnte propagandistisch missbraucht werden wie das Radio in der Zeit des Nationalsozialismus, und so erklärt sich, warum Hanns Hartmann, der erste Intendant des WDR, eindringlich mahnte: Das Fernsehen sei eine »Massenstanze, ein Instrument von grenzenloser Überredungsmacht, ein Mittel der Narkose und der Suggestion. Ich glaube, man sollte an die Schalthebel dieses Instruments nur Leute heranlassen, die das nie vergessen.« Foto-Collage: Jochen Klein für DIE ZEIT BILD

Die Verantwortlichen würden heute einen milderen Ton anschlagen, aber in der Sache nicht anders als vor fünfzig Jahren handeln. Nur Menschen mit professioneller Erfahrung sollten Fernsehen machen dürfen, ganz sicher aber nicht das Publikum. Gerne darf es in einen Container ziehen und 60 Sekunden Ruhm herbeiduschen, auch pöbeln. Sehnsüchte ausbreiten, Schwächen gestehen und Eheprobleme diskutieren. Aber nie gegen den Willen des Programmdirektors, denn er kontrolliert den Bildschirm.

Dann kam die Katze mit Namen Pajamas. Sie ging am 22. Mai 2005 auf Sendung, und wer wollte, konnte den medialen Urknall hören wie einst, als die Tagesschau 1952 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Pajamas gehört dem jungen US-Amerikaner Steve Chen, der YouTube gründete und es mit seinen Kollegen zum weltweit größten Videoportal im Internet aufbaute. In der kurzen Sequenz hält Chen seinem Haustier einen Faden hin, daran ein Spielzeug, das hält er mal höher, mal niedriger, bis Pajamas auf und ab springt. Der Ton ist dumpf, die Szene grauenhaft ausgeleuchtet. Trotzdem ist die Katze dem Zuschauer im Reality-TV gar nicht unähnlich, während Chen den Platz des Regisseurs übernommen hat. Chen, der Privatmann, Fernsehlaie, Zuschauer. Sein Video war das erste auf YouTube, und es übt einen Sog aus, dessen Ausmaße noch gar nicht wirklich abzuschätzen sind.

Die Kluft zwischen Katze und Katheder könnte größer kaum sein. YouTube ist ein Medium für die Masse, kein Massenmedium. YouTube ist eine digitale Bibliothek, traditionelles Fernsehen ein linearer Bilderstrom. YouTube feiert den radikalen Ich-Bezug, traditionelles Fernsehen hingegen pflegt das Handwerk, die eigene Ästhetik, in seinen Glanzmomenten ist es eine Kunstform mit hohem Materialaufwand, im Alltag Vermittler zwischen Welt und Zuschauer. Doch diese Instanz hat ihre absolute Autorität eingebüßt, seit täglich Zehntausende neuer Privatvideos eine Alternative bieten. Damit stellt sich auch die Frage, ob das Fernsehen noch Leitmedium sein kann, wenn zwar genauso viele Menschen wie je bewegte Bilder anschauen, aber immer weniger dasselbe sehen.

Die Privatvideos treten in einen Wettbewerb um Aufmerksamkeit mit den etablierten Sendern, denen sie gelegentlich allerdings auch wieder dienen. Wer lieferte die ersten bewegten Bilder aus dem Tsunami-Gebiet? Urlauber. Wer machte die ersten Aufnahmen in der Londoner U-Bahn nach den Bombenanschlägen? Die Betroffenen selbst. Doch das sind Ausnahmen im Vergleich zu jenen, die mit Laptop und digitaler Kamera ihr eigenes Programm machen. Der Einzelne mag dabei nicht den Anspruch haben, das Fernsehen zu verändern. Aber wenn Millionen Menschen senden, ist der Wandel unaufhaltsam – und fundamental.

Am Anfang stand wie immer ein technischer Entwicklungssprung. Denn die Grenzen des Mediums sind durch Aufnahme- und Sendetechnik bestimmt. Während es nach dem Zweiten Weltkrieg nur ein paar freie Frequenzen für das Fernsehen gab, ist Bandbreite heute im Überfluss vorhanden. Das Fernsehsignal lässt sich digital durch Telefonleitungen, TV-Kabel, über Satelliten oder direkt durch die Luft schicken. Konnte das alte Antennenfernsehen nur fünf Programme verbreiten, sind es beim digitalen Antennenfernsehen – DVB-T – fast 30 und im digital aufgerüsteten TV-Kabel gleich einige hundert. Dazu kommt Handy-TV, während das eindeutig weiteste Feld das Internet ist. Die Telefonkonzerne haben Milliarden in ihre Leitungen und Netze investiert, dabei entstanden auch genug Kapazitäten, um Fernsehsignale in hoher Qualität zu übermitteln.

Zwar sind noch nicht alle Haushalte bereit für digitalen Kabel- oder Satellitenempfang. Aber schon heute suchen RTL und ProSiebenSat.1 nach erfolgversprechenden Minderheitenangeboten. Seit ein paar Tagen gibt es RTL Crime, RTL Living und Passion, drei digitale Sender, die Krimis, Haushaltstipps und eben serielle Liebe, Hoffnung und Dramatik bieten.

Rein gar nichts sind so ein paar digitale Sender allerdings im Angesicht des Internet-TV. Was dort verbreitet wird, ist in jedem Sinne des Wortes überwältigend. Firmen wie Grid-TV übernehmen die technische Abwicklung unter anderem für den Software-Konzern Microsoft, der so zu seinem eigenen Sender kommt. Allerdings – was ist im Internet ein Sender? Die Grenze zwischen Videos auf Abruf, einer Dauerwiederholungsschleife und einem vollgültigen TV-Programm verläuft fließend. Ein Sender ist das, wofür der Veranstalter zahlt. Sie möchten Kongresse aufzeichnen? Filmmaterial aus Archiven zeigen? Kein Problem. Nach ein paar Handgriffen sind Arbeitsrechts TV und Feuerwehr TV auf Sendung.

Mit Verzögerung verändert die digitale Technik auch die Medientheorie, beeinflusst die Debatte über die Wirkung des Mediums, über seine Macht und den Unrat. In den Anfangsjahren genügten einfache Sender-Empfänger-Modelle, und als das Land in den achtziger Jahren verkabelt wurde, um das Privatfernsehen zu verbreiten, wurden Theorien zur Verdummung, Vereinsamung, Zerstreuung und Gewaltbereitschaft des Publikums populär. Über all die Zeit gibt es wenige Sätze, die ihre Gültigkeit bewahrt haben, doch einer hat es ganz bestimmt, weil er den Zusammenhang von Technik, Fernsehen und Gesellschaft so ideal zusammenfasst: The medium is the message. Er stammt von dem Medientheoretiker Herbert Marshall McLuhan und weist darauf hin, dass ein Medium nicht nur Ausdruck einer kulturellen Praxis ist, sondern dass sich diese eben sehr nach den technischen Bedingungen richtet, unter denen sie stattfindet.

Wie sehr die Medientechnik einen gesellschaftlichen Wandel anregt, ist am Ende vielleicht bei YouTube am sichtbarsten. Man könnte beispielsweise bei der Aufnahme eines unbekannten Kabarettisten beginnen, der bei einem Auftritt in der New York Penn Station einen Witz über einen Kanon von Johann Pachelbel, einen deutschen Komponisten des Barock, macht. Daneben ist der Hinweis auf ein privates Lehrvideo für Gitarrenschüler zu finden, die dieses Lied üben wollen. Der Hinweis stammt von einem Jawmundi, der angibt, aus dem australischen Perth zu stammen, und dieser Jawmundi zählt zu seinen Lieblingsvideos eines, in dem die Bohemian Rhapsody der Rockband Queen als klassisches Stück interpretiert wird. Der Zuschauer kann mit einem Klick auf der Computermaus zu einem tschechischen Fußballspiel wechseln und die Partie »Bohemians 1905 – Nachod/Destne« betrachten. YouTube sortiert die TV-Beiträge assoziativ. Die Programmzeitschrift ist dort ein Multiversum von persönlichen Verweisen, die früher oder später allerdings zu CBS führen.

CBS ist einer der populärsten Fernsehsender in den USA, dessen Manager sich mit YouTube geeinigt haben, dass Ausschnitte des CBS-Programms dort laufen und so den Weg vorzeichnen, den die Plattform nehmen wird. Traditionelle Fernsehprogramme werden sich mit privaten Videos mischen, und wer prüfen will, was etwa am Mittwoch der vergangenen Woche am häufigsten gesehen wurde, erkennt, dass die alte Hierarchie nicht völlig auf den Kopf gestellt ist. Am populärsten war eine Sequenz, die auf CBS lief und in der die Popsängerin Jessica Simpson zu sehen ist.

So entsteht eine erste Ahnung davon, warum das Fernsehen auch künftig noch Leitmedium sein wird. Die digitale Welt stärkt die starken Marken. Aber es werden nicht mehr die gleichen sein wie heute. Neben die Sender- treten die Serienwelten und deren Stars.

Gleichzeitig wird es in zehn Jahren wohl keine Sendung mehr geben, bei der ein Zuschauer davon ausgehen kann, dass die meisten Kollegen oder Freunde sie ebenfalls sehen. Fernsehen als Gesprächsstoff für alle wird sich auf Fußball und die Nachrichten beschränken. Thomas Gottschalk wird in Rente sein, und stattdessen werden sich Fangemeinschaften im Internet, auf dem Handy oder tatsächlich auf dem Schulhof darüber austauschen, was ihren Zielgruppen-Nischen-Ministars gerade widerfahren ist.

Bleiben die Älteren und Alten, also alle im Alter über 30 Jahre. Sie sind im kommenden Jahrzehnt die Lebensversicherung für das traditionelle Fernsehen, weil sie gelernt haben, anderen die Auswahl zu überlassen. Besonders sicher können sich also die Öffentlich-Rechtlichen fühlen. Der demografische Wandel spielt ihnen in die Hände, sodass auf einmal aus der Not, dass die eigenen Zuschauer alt sind, ein Erfolgsrezept wird. Da mag man fast verstehen, wenn beim NDR jemand für den Landesjugendring in den nächsten Rundfunkrat einziehen soll, der weit über 60 Jahre alt ist. Was schadet das, wenn die Gesellschaft dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen entgegengreist? Aber natürlich ist das langfristig für keinen Senderchef beruhigend, und so wird die künftige WDR-Intendantin Monika Piel im kommenden Jahr ein Internet-Angebot mit Regionalnachrichten testen, damit der WDR auch auf den iPod kommt und nicht nur Leitmedium für die Alten bleibt. Die Zukunft des Fernsehens
Lesen Sie zum Thema aus dem Feuilleton in der neuen Printausgabe der ZEIT weitere Beiträge von Evelyn Finger, Johannes Schweikle, Jens Jessen und Katja NicodemusHier können Sie die ZEIT abonnieren » BILD