Sie weinen ihrer paradiesischen Vergangenheit nach. Sie sind zu Bettlern verkommen. Sie bringen nichts zustande, um ihre Not zu überwinden. Sie sind larmoyant, mittelmäßig und faul. Wer urteilt so über die Afrikaner? Ein Schweizer Bankdirektor? Ein britischer Kolonialoffizier im Ruhestand?

Weit daneben. Es ist eine Afrikanerin. Sie heißt Axelle Kabou, wurde 1955 in Kamerun geboren und hat in Paris Ökonomie und Kommunikationswissenschaften studiert. Lange war sie im Business der Barmherzigkeit. Sie hat Entwicklungsprojekte koordiniert und afrikanische Präsidenten beraten. Nach ihrem Ausstieg aus diesem Gewerbe verfasste sie eine Streitschrift mit vernichtendem Befund: Afrika stehe am Rande des Abgrundes. Der Kontinent weise die schlechtesten Lebensbedingungen der Welt auf. Kabou fragt: Was wurde in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit erreicht? Was hat die Entwicklungshilfe bewirkt? Und antwortet: Nichts, fast gar nichts!

Als Axelle Kabou 1991 in Dakar aus ihrem Buch Et si L’Afrique refusait le développement? – "Und wenn Afrika die Entwicklung ablehnte?" vorlas, entfachte sie Entrüstung, man beschimpfte sie als Verräterin, die in Europa ihre Seele verkauft habe. Denn ihre These, die Afrikaner seien selbst schuld an ihrem Elend, weil sie die Modernisierung verweigern, brach ein Tabu. Die schwarzen Eliten glaubten immer noch, schrieb Kabou, der Rest der Welt müsse als Kompensation für erlittenes Unrecht ihren Kontinent retten. Damals, 1991, stand Kabou noch ziemlich allein auf weitem Feld. Heute gibt es eine Reihe afrikanischer Intellektueller wie Roger Tagri, George Ayittey, Andrew Mwenda, James Shikwati oder Chika Onyeani, die in ihren cri de colère , ihren Aufschrei des Zornes, einstimmen.

"Entwicklungshilfe hilft Tyrannen bei der Unterdrückung"

Entwicklungshilfe stelle Tyrannen die Mittel zur Verfügung, um ihre Völker zu unterdrücken, schreibt der kenianische Ökonom Shikwati. Sie blähe Staatsbürokratien auf und fördere eine absurde Planwirtschaft. Sie werde zum Kauf von Waffen missbraucht. Sie ermögliche "monströse Projekte, die die Umwelt zerstören und menschliche Tragödien anrichten". Vor allem aber lähmten die Geld- und Sachgeschenke die Produktivität der Empfängerstaaten und die Eigeninitiative ihrer Bürger.

Am Ende zementierten sie genau das, was sie eigentlich überwinden wollen: die Abhängigkeit. Shikwati fordert, diese "furchtbare Hilfe" endlich zu streichen. Helle Empörung hat auch der nigerianische Querdenker Chika Onyeani ausgelöst. Schon allein der Titel seines Buches – Capitalist Nigger – treibt seine Gegner zur Weißglut. Onyeani geißelt, was er als entwürdigende Bettlermentalität der Afrikaner empfindet. Er wirft ihnen vor, sie würden nur konsumieren und nichts produzieren. Das einfache Rezept des Dr. Onyeani: Hört auf zu jammern, arbeitet härter! In Südafrika, der ökonomischen Lokomotive Afrikas, wurde sein Buch zum Bestseller.

Ali A. Mazrui, der große Kulturphilosoph aus Kenia, hat den Merksatz geprägt, dass echte Reformen mit Selbstkritik beginnen. Man hört das nicht gern in Afrika, vor allem auf der höchsten politischen Ebene nicht. Denn das hieße ja, die Verantwortung für den Zustand des Erdteils bei sich selbst zu suchen. Die Mehrzahl der Politiker schiebt am liebsten alle Probleme auf finstere Außenmächte ab. Präsident Robert Mugabe, der alte, starrsinnige Despot, der gerade Simbabwe ruiniert, ist ein Prototyp dieser Geisteshaltung: Die Krise seines Landes werde allein durch die Machenschaften britischer Neokolonialisten, weißer Farmer und der ausländisch gelenkten Opposition verursacht. Eine wohlfeile Verschwörungstheorie, die vom eigenen Versagen ablenkt.