Daneben gegraben

Der offizielle Name der Mission lautete »Ausgrabungen auf dem Domplatz«. Gründlicher als bei allen archäologischen Erkundungen zuvor wollten die Wissenschaftler in der Hamburger Innenstadt zu Werke gehen. Eineinhalb Jahre lang trugen sie auf dem Gebiet zwischen Altem Fischmarkt, Petrikirche und Pressehaus Schicht um Schicht ab, auf einer Fläche von 3500 Quadratmetern. Mancherorts stießen sie in Tiefen von bis zu 3,5 Metern vor. Sie erfassten 2150 Bodenbefunde, erstellten 600 Profil- und Flächenzeichnungen, schossen 4000 digitale Bilder, bargen in 2500 Fundkomplexen »mehrere zehntausend Einzelfunde« und füllten mit dem Material 40 Gigabyte Speicherplatz. © Dominik Westermann/Helms Museum BILD

»Am Ende gab es ein schönes Ergebnis«, sagt Karsten Kablitz, der Grabungsleiter. Er ist zufrieden. Mit den Daten aus dem Hamburger Untergrund hat er wie beabsichtigt die zeitliche Abfolge des Bauens, Umbauens, Abreißens, Ausbombens an dieser Stelle in der City präzisieren können. Die bekannte frühe Doppelkreisanlage aus dem 8. Jahrhundert fand sich, Siedlungsreste des ausgehenden 9. Jahrhunderts, drei Bauphasen des Doms ab 900 und natürlich die Reste des Elitegymnasiums Johanneum, 1943 zerstört von britischen Fliegern. »Die Arbeit hat sich gelohnt«, sagt der Archäologe aus Braunschweig.

Die Hamburger aber sind verzweifelt. Denn inoffiziell hieß die Mission stets »Suche nach der Hammaburg«. Dieser legendären Befestigungsanlage sollte das zeitweise 17-köpfige Ausgrabungsteam auf die Spur kommen. Sie wurde Anfang des 9. Jahrhunderts erbaut, 845 von den Wikingern zerstört und gab der Stadt ihren Namen. Doch bisher liegen für die Hammaburg einzig literarische Belege vor. Stadtobere und Gelehrte erhofften sich von der Jagd nach der Keimzelle endlich ein vorzeigbares Relikt aus der Geburtsphase ihrer Metropole.

Als nach einem Jahr Grabungszeit die Festung noch immer nicht auftauchen wollte, breitete sich in der Hansestadt Bestürzung aus. Die Schlagzeilen der Lokalpresse sind ein Zeugnis wachsender Erschütterung. »Hammaburg-Suche: Durchbruch erwartet«, vermeldete das Hamburger Abendblatt im Juni, »Hammaburg verzweifelt gesucht« im Juli die Welt am Sonntag . Als im August sieben Pfostenlöcher auftauchten, hoffte das Abendblatt erneut: »Wenn sich diese Annahme archäologisch beweisen lässt, steht die Entdeckung der Hammaburg unmittelbar bevor.«

Nun werden die Tage nicht mehr kürzer. Die 18 Monate sind um. Die Ausgräber um Karsten Kablitz haben keinen einzigen Hinweis auf die Hammaburg finden können. Sie haben auch nie behauptet, Entsprechendes vorweisen zu können. »Die Burganlage befindet sich, entgegen älteren Annahmen, nicht auf dem Domplatz. Die Archäologen () fanden keine Belege für die () Hammaburg«, resümierten die Wissenschaftler am 6. Dezember in einer Pressemitteilung. Aber schon zwei Tage nach Nikolaus konterte die Welt: »Sensationsfund auf dem Domplatz – Archäologen haben möglicherweise die Hammaburg doch noch entdeckt.«

Heute ist Karsten Kablitz es leid, ständig mit Dementi zu reagieren, wenn jemand erneut die Hammaburg auf den Domplatz stellen möchte. »Einer behauptet was. Ich werde dann gefragt, woran man das sieht, und kann nur sagen: Man erkennt an den Verfärbungen des Untergrunds den Verlauf der Domburg.« Er habe, gab er auf einem abschließenden Pressetermin zu verstehen, »keine Veranlassung zur Hoffnung auf die Hammaburg hier an dieser Stelle«.

Daneben gegraben

Das ist nicht, was die Einheimischen hören wollen. Einen »Sensations-Fund kurz vor Grabungs-Ende« entdeckt die Bild Hamburg am 21. Dezember: »Hammaburg – Archäologen geben nicht auf.« Zwar hat sich der Erkenntnisstand der Wissenschaftler in den Dezembertagen nicht verändert, aber wie der echte Fan von Elvis – er hält dessen Tod für ein Gerücht – ist der wahre Hamburger nicht davon abzubringen, an den Fund seiner Burg zu glauben.

Auf der Suche nach den Quellen der Erfolgsmeldungen und Durchhalteparolen landet man bei Kablitz’ Vorgesetzten. Hamburgs Landesarchäologe Rainer-Maria Weiss stellt sich dem gewachsenen Frust mit gesteigertem Zweckoptimismus entgegen. Er möchte »jetzt noch mal genau wissen, ob es nicht vielleicht doch die Hammaburg sein könnte«. Damit ficht er einen einsamen wissenschaftlichen Kampf um positive Auslegung aller Ungewissheiten. Der lokalen Presse diktiert er Sätze in die Notizblöcke, mit denen er sich leider nicht auf die Befunde seines eigenen Chefausgräbers Kablitz berufen kann: »In dieser Dimension muss man sich die Hammaburg vorstellen, wenn sie es nicht sogar ist.« Damit reanimiert Weiss die alte Theorie, wonach es sich bei der jünger datierten Domburg – ab 900 erbaut zum Schutz des erzbischöflichen Mariendoms – ursprünglich um die Hammaburg gehandelt haben könnte. Obwohl die Keramikfunde das derzeit ausschließen, beziffert Weiss die Chance, dass es sich um dasselbe Bauwerk gehandelt haben könnte, auf »50 zu 50«. Seine Hoffnung stützt sich auf noch ausstehende C14-Datierungen.

Ausgräber Kablitz hat den Platz geräumt. In den eineinhalb Jahren ist er auf interessante Objekte gestoßen: auf einen ominösen Steinkreis, einen Ofen aus dem 11. Jahrhundert, auf Knochenlager, Kindergräber und Grüfte sowie auf Reste eines Scheingrabs von Papst Benedikt V., dessen Originalgebeine 999 nach Rom transferiert wurden. Zahlreiche Pfostensetzungen könnten ein Beleg für größere Sakralbauten aus dem 10. oder 11. Jahrhundert sein. Das bizarrste Fundstück aber sind Emailleschilder mit der Aufschrift »Hamburger Tageblatt«, auf denen das Hakenkreuz prangt: Ein Unverbesserlicher scheint sie in der Nachkriegszeit hier versteckt zu haben, vielleicht in der Hoffnung auf eine erneute Zeitenwende.

Verschollen bleibt die von Erzbischof Ansgar 831/32 errichtete Erstausgabe des Hamburger Doms. Und eben die Hammaburg, deren Standort die Archäologen nun weiter östlich vermuten, unter der späteren Stadtbefestigung, dem so genannten Heidenwall.

Auf jeden Fall geben sie nicht auf, die Hamburger. Sie werden weitergraben.