Nein, das war kein entspanntes Jahr für Nachrichten aus und Kommentare über die Volksrepublik China. Drachen und Tiger wurden in Kompaniestärke auf Titelseiten gehetzt, Gefahren für unsere Zukunft mit dickem Pinsel in grellsten Tuschfarben ausgemalt, die Journaille ließ es zischen, knallen und stinken wie bei einem veritablen Feuerwerk, erstaunlich nur, dass das Hauptwerk von Oswald Spengler keine Neuauflage erfuhr. China - ein Land mit vielen hundert Millionen Verlierern© China Photos/Getty Images BILD

Chinesische Autoren kamen bei diesem Krach kaum zu Wort, geschweige in die Nähe eines Platzes auf der Bestsellerliste. Dabei zeigen auch die zwei besten Studien, die in den vergangenen Monaten über China erschienen sind, ein durchaus dramatisches Bild. Sie stammen aus der Feder der Wirtschaftswissenschaftlerin Qinglian He und den Federn des Schriftstellerehepaars Chen Guidi und Wu Chuntao, wobei zum letzteren Werk noch dringend eine dritte Feder genannt werden muss: Sie gehört der Münchner Sinologin Ylva Monschein, die zum Buch über die Lage der chinesischen Bauern ein analytisch brillantes Nachwort beisteuerte.

Die Verwaltung ist aufgebläht, die Korruption blüht

Beiden Büchern geht es um die Folgen jenes Prozesses, der als ökonomische Modernisierung Chinas figuriert und der im letzten Jahrzehnt neben spektakulären Gewinnern auch ein nach Hunderten von Millionen zählendes Heer von Verlierern hat, die chinesische Landbevölkerung. Die Kluft zwischen ihr und den Bewohnern der Städte, so belegen es die Autoren, wurde bereits in den frühen fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts angelegt, als sich die Kommunistische Partei von jenem revolutionären Mythos abwandte, der besagte, man müsse die Städte vom Lande aus erobern, mithin in einer neuen marxistischen Variante den Bauern mit dem Proletarier auf eine Stufe des Klassenbewusstseins rückte.

Die Wirtschaftsgeschichte der Volksrepublik ist dagegen durch eine stetige Ungleichheit der Einkommensentwicklung und der gesellschaftlichen Bedingungen geprägt, in welcher, schlicht gesagt, mehr als zwei Dritteln der Bevölkerung auferlegt wurde, für die Prosperität ihrer Landsleute in den Städten zu sorgen. Der Unterschied zum Modell der UdSSR ist dabei so gravierend nicht, wie gern behauptet wird. Die Differenz zwischen den beiden Formen des Einkommens kann als eine Schere dargestellt werden, zwischen deren zwei Schneiden ein immer größerer Abstand entsteht. Heute ist die Volksrepublik im internationalen Vergleich das Land mit den spektakulärsten Unterschieden zwischen Arm und Reich. Dazu hat die Einführung der Marktwirtschaft einen gehörigen Teil beigetragen, doch die Grundursache wurde schon in den Jahrzehnten der »reinen« Planwirtschaft durch ein staatliches Lohn- und Preissystem geschaffen, das den industriellen Sektor nachhaltig gegenüber der agrarischen Produktion bevorzugte.

Diese Entwicklung hatte also einen unerbittlichen historischen Vorlauf, mittlerweile ist sie potenziell zu einer gewaltigen Bedrohung des sozialen Friedens geworden. Es häufen sich die Klagen über zu hohe Steuern, willkürliche Enteignungen, unberechtigt erpresste Abgaben und – auch in den Dörfern kann man das Fernsehen verfolgen – über die offensichtliche Benachteiligung, die das Leben auf dem Lande zwangsläufig mit sich bringt.