Merkwürdig, dass die Selbstzerstörung der Politik immer weitergeht. Sie macht nicht mal Winterpause, lässt sich auch durch keinerlei Zahlen erschrecken. Im Gegenteil. Zuletzt wurde berichtet, dass die Kluft zwischen Bürgern und Politik einen historischen Tiefstand erreicht hat – und zugleich teilte Kurt Beck mit, die Grenze der Zumutbarkeit sei bald erreicht. Der SPD-Vorsitzende verengt den Spielraum der Großen Koalition dramatisch, indem er etwas verspricht, das es auf absehbare Zeit nicht geben kann: eine zumutungslose Politik. Beck schafft so die psychologische Grundlage für den nächsten Verdrossenheitsschub. Aber der SPD-Chef ist beileibe nicht der Einzige oder gar der Schlimmste, wenn es um die autoaggressiven Kräfte der Koalition geht. Einer ist schneller, einer ruft immer dazwischen, wenn es mal ruhig wird, einer geht stets beherzt voran, wenn sonst kein anderer in die falsche Richtung marschieren mag.

Wenn die Fragen gestellt werden, woher die Politikverachtung der Bürger kommt und warum sie in jüngster Zeit immer schlimmer wird, dann dürfen sich viele angesprochen fühlen, nicht nur Politiker. Aber die meisten Augen müssten sich dabei nach Süden richten, nach Bayern, auf Edmund Stoiber. Schließlich hat es in den vergangenen Jahren keiner so toll getrieben wie er. Aber wer ist dieser Mann, der sich kommende Woche wieder in Wildbad Kreuth feiern lassen möchte, wer steckt hinter der bayerischen Landesfürstenfassade?

Er ist keiner, mit dem man Pferde stehlen kann. Das hat sich nicht erst gezeigt, als Edmund Stoiber kürzlich seinen Büroleiter entließ, weil der für ihn Munition gegen eine innerparteiliche Gegnerin sammelte und die Sache rauskam. Vor zehn Jahren mussten das schon Helmut Kohl und dessen Finanzminister Theo Waigel (CSU) bitter erfahren, als das Projekt Euro unter populistischen Druck geriet und Stoiber sich, anstatt seinen Parteifreunden beizuspringen, an die Spitze der Kritiker stellte.

Er ist keiner, der Mut zeigen würde, wenn es drauf ankommt. Stoiber war 2002 als Kanzlerkandidat im Kampf gegen Gerhard Schröder zu keinerlei Reaktion fähig, als der mit etwas Fluthilfe und einem Nein zum Irakkrieg die Wiederwahl schaffte. Ein Jahr später wagte es Edmund Stoiber nicht einmal, seinen Bayern ehrlich zu sagen, dass er nach der Landtagswahl den Haushalt würde konsolidieren müssen. Mit seiner Unehrlichkeit erschlich er sich einen phänomenalen Wahlsieg. Es war ein gefährlicher Sieg, besonders für den Sieger. Denn von da an maß er sich daran, wurde leicht größenwahnsinnig und immer selbstverliebter.

Er ist keiner, der seinen Blick leicht vom eigenen Spiegelbild lösen könnte. Nach der Bundestagswahl 2005 gelang es ihm, die neue Koalition auf seine Wünsche zu verpflichten, bloß um dann selbstherrlich und zugleich hasenherzig nach Bayern zu fliehen. Daheim in München mussten derweil die Nachfolgekandidaten ihre Fahnen wieder einrollen. Alles nur für ihn.

Das gleiche Muster wiederholte Stoiber bei der Gesundheitsreform. Erst presste er mit seiner Vetomacht und seiner Unberechenbarkeit möglichst viele bayerische Interessen hinein, um sich hernach am lautesten von der unpopulären Reform zu distanzieren. Beinahe drohte das Jahr 2006 mit guten Konjunkturdaten und leidlicher politischer Zufriedenheit auszuklingen – doch dann kam kurz vor Weihnachten Stoiber und hielt im Bundesrat eine Brandrede gegen die Gesundheitsreform. Es klang, als befände er sich in der heißen Phase eines Bundestagswahlkampfes – gegen Angela Merkel.

Am kommenden Montag in Kreuth, dort, wo sie immer einen äußeren Feind brauchen, diesmal aber wegen der Affäre um die Fürther Landrätin Gabriele Pauli besonders, dürfte es noch einmal losgehen gegen die Gesundheitsreform. Oder wird man sich zur Abwechslung auf die Türken stürzen und mit der Axt in das filigrane diplomatische Geflecht fahren, das die Kanzlerin und ihr Außenminister in der EU-Beitrittsfrage gerade basteln?

Das alles hat nicht nur mit Stoiber zu tun, es ist auch die CSU. Seit eh und je zeichnet sich das politisierte Bayerntum durch seine patriotische Unzuverlässigkeit aus. Schon ganz am Anfang der Bundesrepublik stimmte Bayern dem Grundgesetz nicht zu. Und Franz Josef Strauß profilierte sich in der Außenpolitik mit der kernigen Idee einer deutschen Atombombe. Strauß war es auch, der das Programm formulierte, Deutschland müsse es erst richtig schlecht gehen, damit die Schwarzen wieder an die Macht kommen könnten. Und konnte nicht schon dieser politische Raufbold nur gestoppt werden, indem man ihn zum Kanzlerkandidaten machte und so demonstrierte, dass er es eben nicht konnte im Bund? Ein bisschen Sonthofen-Ideologie schwingt bis heute mit in der bayerischen Politik, diese ungebremste Eigensucht auf Kosten des deutschen Gemeinwohls.