Wieder verschwindet ein Vater aus der Biografie. Vor ein paar Jahren legte der estnische Dirigent Paavo Järvi seine CD mit Strawinskys Sacre du Printemps vor, und im Beiheft war noch zu lesen, dass er als 17-Jähriger mit seinem Vater, dem Dirigenten Neeme Järvi, aus Tallinn in die USA verzogen sei. Nun dirigiert Paavo Järvi seinen ersten Beethoven, das Ergebnis ist ein dermaßen sonnenheller Akt der Emanzipation, dass jetzt die Vita im Booklet alle Schatten des Vaters tilgt. Man kennt solche Abnabelungen von den Kleibers oder den Sanderlings. Die Begabungsforschung wird später sagen: Die Gene blieben ja in der Familie.

Järvi heißt See auf Deutsch, doch still ruht dieser See nie. Er ist vielmehr eine gefährliche See, sie besitzt Strömung und Untiefen. Sie ist ein dynamisches Gewässer, mit sprudelnden Zuläufen, manchmal steht sie sogar unter Strom, und trotzdem guckt man immer auf den Grund. Wenn Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen das Finale der Eroica spielen, pinselt ihr Musizieren der Partitur keinen Klarlack auf, der sie luftdicht versiegelt. Järvi bricht die Textur auf, er macht aus dem sinfonischen Variationengebilde eine chorische Studie, aus der sich einmal sogar ein reines Streichquartett schält, als sei die 3. Sinfonie Es-Dur op. 55 eine bislang unbekannte Nachbarin der drei Rasumowsky-Quartette op. 59.

Diese Einblicke werden umso schärfer, als Järvi einen fast vibratolosen Beethoven riskiert, dem indes das Vibrieren nicht verloren geht. Die Energie wirbelt nicht aus einzelnen Tönen, sondern strömt aus deren überwölbender Bindung, aus bissiger Artikulation und drängendem Legato. Manchmal ist der Klang wiederum so luftig, als seien die Noten, die zu spielen sind, heiß wie Herdplatten. Fast irritierend brillant werden Beethovens Metronomangaben befolgt, aber dieser Gehorsam folgt keinem eisigen Generalplan; das Spiel ist vielmehr lebendig wie der Wind, der über die See streicht. Lange hat kein Orchester Beethovens Sinfonie auf der Basis eines delikaten Bläserklangs so differenziert gespielt. Grandios die Crescendi, die aus dem Nichts kommen und am Utopischen kratzen. Der Aufnahmetechnik gelingt in ihrer Abbildung kammermusikalischer Intarsien und linearer Nebenkurven ebenfalls ein Wunder.

Auf die 8. Sinfonie F-Dur op. 93, dieses oft für nebensächlich befundene Großwerk, springt das Ensemble wie ein Überfallkommando auf, dem der Dirigent den Befehl zum Zugriff erteilt. Hier staunt man noch mehr über die Schnelligkeit, mit der sich ein kraftvolles Tutti in ein sprechendes Piano zurückzieht. Trockenheit und Schlagkraft wirken nie hündisch angebunden, es ist ein Spiel mit faszinierenden räumlichen Echos, mit ziselierter sinfonischer Maserung. Historisch informierte Kompetenz, in Modernität transformiert. Eine Referenzaufnahme.

Für den Visionär Beethoven hat das 21. Jahrhundert also vorzüglich begonnen. Für Paavo Järvi auch: Er ist derzeit Chefdirigent in Cincinnati und neuerdings beim Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks. In Frankfurt begrüßte ihn kürzlich eine überdimensionale Paavo-Statue. Papa Neeme kann stolz sein.

Ludwig van Beethoven: Sinfonien Nr. 3 und 8, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Ltg. Paavo Järvi, Sony BMG