Zehn Gründe für Europa – Seite 1

Die EU ist gut, weil sie den Euro hat

Wer liebt schon Geld – vor allem wenn es so hässlich ist wie die Euro-Scheine? Doch der Euro macht nicht nur das Reisen leicht, er hat uns auch schon vor der einen oder anderen Finanzkrise gerettet. Denn gegen den Euro spekulieren kann keiner. Zudem nützt er dem deutschen Export – und damit den Arbeitsplätzen. Die gute alte D-Mark wäre viel stärker von Aufwertungen gefährdet. Nur schönere Motive auf den Scheinen, die dürfte es schon geben.

Die EU ist gut, weil sie sozial ist

Eigentlich hat die EU in sozialen Dingen wenig zu sagen. Über die Krankenkasse und den Kündigungsschutz streitet man sich daheim. Das wird vorerst auch so bleiben. Dennoch hat die EU nicht nur die schlechtere Bezahlung von Frauen verboten (unter dem Slogan "gleiches Geld für gleiche Arbeit"). Sie ist auch weltweit die Region mit den höchsten sozialen Standards für die überwiegende Zahl ihrer Bürger. Und sie ist in Zeiten der Globalisierung der beste Garant dafür, einige dieser Errungenschaften zu wahren. Nur die EU kann unfaire Konkurrenz im Inneren und von draußen verhindern. Die Politiker müssten die Union nur besser dafür nutzen.

Die EU ist gut, weil sie sich immer wieder neu erfindet

Wer sonst auf dieser Welt streitet sich ständig und erfindet sich dabei immer wieder neu? Angefangen hat die EU als Wirtschaftsgemeinschaft, wurde dann zu einer Werte- und Rechtsgemeinschaft und ist heute, ja was? Und morgen, was dann? Ein europäischer Sozialstaat? Eine Weltmacht? Noch weiß niemand, wohin sich dieses Gebilde entwickeln wird. Wir können es verändern, verdrehen, umbauen. Sicher ist nur: Es gibt kein Modell, an das sich Europa anlehnen könnte.

Die EU ist gut, weil sie ihre Erweiterung wagt

Ein solches Experiment hat noch keine andere Staatengruppe gewagt. Statt andere Länder zu okkupieren oder zu dominieren, nimmt die EU Nachbarn auf, gibt ihnen einen Platz am gemeinsamen Tisch und ein Recht mitzubestimmen. Jedes Mitglied verliert damit ein Stück seiner nationalen Souveränität und gewinnt dafür eine Stimme im Konzert. Für die Bürger der 27 Mitgliedsstaaten klingt diese Vielstimmigkeit ohrenbetäubend – und sie sind oft der neuen Sprachen überdrüssig. Doch außerhalb der EU sehnen sich viele nach einem Platz in diesem Club. Sie sehnen sich nach europäischen Werten, Recht und Wohlstand oder kurz: nach Europäisierung.

Die EU ist gut, weil sie mehr den Verstand als den Bauch anspricht

Europa ist emotionslos. Es hat eine langweilige Flagge, keine Schwüre, keinen Patriotismus, die EU erfreut sich keiner Liebeserklärungen. Man kann das bedauern. Europa ist kühl, die technokratisch-vernünftige Antwort auf ein emotionsgeladenes, hitziges Jahrhundert der Kriege. Man muss die EU nicht lieben, nicht einmal mögen, um sie für die derzeit sinnvollste institutionelle Antwort auf die zwischenstaatliche Existenzfrage zu halten.

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Die EU ist gut, weil sie für das internationale Recht kämpft

Ohne Europa gäbe es das Kyoto-Protokoll nicht, würde der Internationale Strafgerichtshof nicht existieren und ginge es den Vereinten Nationen noch viel schlechter. Zwar ist die EU keine Gegenmacht zu den USA, aber ein anderes Modell schon. Sie setzt auf international verbindliches Recht, Diplomatie, Multilateralismus und soft power. Sanktionen oder gar der Einsatz militärischer Gewalt sind nur Ultima Ratio, das allerletzte Mittel.

Die EU ist gut, weil sie grenzenlos ist

Man muss nur einem Marokkaner oder einer Guatemaltekin gegenüber die Europäische Union erwähnen, und sofort geraten sie ins Schwärmen über deren Grenzenlosigkeit. Dass man ohne Pass von Berlin nach Madrid reisen kann und nicht kontrolliert wird – für uns liegt darin zwar nichts Besonderes mehr. Doch diese Freiheit genießen wir weltweit allein. Nur wir dürfen in 26 Nachbarländern im Großen und Ganzen problemlos arbeiten und wohnen, Häuser bauen und Land besitzen – und die eigene Krankenversicherung in Anspruch nehmen. Ein einzigartiges Privileg, das auf 27-facher Gegenseitigkeit beruht.

Die EU ist gut, weil sie das Leben bequemer macht

Meist klingt es wie eine Drohung: Die EU normiert, reguliert und verbietet. Oder es klingt wie eine Posse: Die EU bestimmt die Krümmung einer Gurke und die Sicherheit von Feuerzeugen. Aber viele solcher Regelungen erleichtern den Unternehmen nicht nur den Export, sie erleichtern auch uns Verbrauchern das Leben, sind einfach praktisch. Denn viele Sicherheitsvorschriften und Normen gelten für die gesamte EU. Deswegen kann der Fön auch in Mallorca benutzt werden – ohne Extrastecker.

Die EU ist gut, weil sie bürokratisch ist

Kaum zu glauben, aber wahr: Europas Bürokratie hat gewaltige Vorteile! Und sie ist eine kluge Lehre aus der Geschichte. Um nicht die Tragödien des vergangenen Jahrhunderts zu wiederholen, haben Deutsche und Franzosen zunächst ihre Kohle- und Stahlindustrie mit einer gemeinsamen Verwaltung verbunden. Später kamen neue Bereiche der Wirtschaft und der Politik hinzu, und schließlich entstand das, was man heute "Brüssel" nennt. Das nervt oft. Dennoch ist die EU so erfolgreich, dass Krieg zwischen ihren Mitgliedern nicht nur undenkbar, sondern wegen der bürokratischen Verzahnung schier unmöglich geworden ist. Selbst wenn zwischen den Hauptstädten einmal Streit herrscht, führt die Kommission das europäische Alltagsgeschäft einfach weiter. Diese Stabilität findet der Rest der Welt äußerst attraktiv.

Die EU ist gut, weil sie modern ist

Heute kann man ein Ferienhaus in Spanien kaufen, sein Auto in Belgien oder den Wein in Frankreich. Das alles musste die EU-Kommission hart erringen – so wie sie im Moment für billige Auslandsgespräche per Handy kämpft. Ohne die EU würden die Telefongesellschaften ihre Kunden wahrscheinlich noch lange schröpfen. Und erst sie hat einen einheitlichen Handy-Standard durchgesetzt. Der ist heute weltweit führend.

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