Das neue Jahr hat kaum begonnen, da häufen sich schon beunruhigende Nachrichten, die auf einen so genannten Trend hindeuten. Die Berlinale im Februar will das Essen zu einem Schwerpunkt ihrer Filmauswahl machen. Die Documenta im Juni will den katalanischen Koch Ferran Adrià als Künstler feiern. Das ZDF will Kerners Kochshow immer noch nicht abschaffen, obwohl es auch dort nichts zu essen, sondern nur zu gucken gibt. Mit anderen Worten: Wenn wir nicht aufpassen, wird sich 2007 die Nahrungsaufnahme vollkommen entmaterialisieren. Wo eben noch zu riechen und zu schmecken, zu rühren und zu braten war, werden nur noch Bilder und Diskurse sein. Ob die Menschheit einen solchen Trend zur Intellektualisierung des Speisens überleben kann, ist fraglich; zumindest ist der Beweis noch nicht erbracht worden, dass die Lektüre von Kochbüchern das Essen ersetzen kann.

Allerdings wird an der Erbringung eines solchen Beweises derzeit hart gearbeitet, wie jeder Blick in eine Buchhandlung lehren kann. Gab es jemals so viele Kochbücher? Wahrscheinlich ja. Denn zu den Eigentümlichkeiten des Essens gehört seit alters, dass es vom Nachdenken über das Essen begleitet wird; und zwar übrigens niemals vom Nachdenken über die Speisen, die gerade gegessen werden, sondern immer über andere, in der Vergangenheit genossene oder zukünftig zu kochende. Es ist schwer zu ergründen, warum der Wolfsbarsch auf dem Teller unweigerlich dazu anregt, über Karpfen zu reden, oder der Entenbraten ein Gespräch über Gänsekeulen provoziert. Aber augenscheinlich trainiert das Essen nicht nur die unmittelbar betroffenen Sinne, sondern ebenso die Fantasie und die Erinnerung – also genau jene Felder, auf denen auch die Kunst zu Hause ist.

Insofern muss man sich über Documenta und Berlinale nicht allzu sehr aufregen; und insbesondere über Letztere nicht. Denn nach einer Grundregel des Kinos, die meines Wissens zum ersten Mal von meiner Großmutter aufgestellt wurde, gibt es überhaupt keinen Film, in dem nicht a) gegessen und b) ein Bett gezeigt wird. Die Berlinale wird sich daher nicht verbiegen, wahrscheinlich nicht einmal eigens anstrengen müssen, um ihren Schwerpunkt herzustellen. Viel ehrgeiziger wäre der Versuch, ein Filmprogramm ganz ohne Mahlzeiten zusammenzustellen, aber das können die Festspiele ja nächstes Jahr probieren, wenn wir die Kunst des Kochens endgültig sattbekommen haben.

Denn auch das ist ein großes, von Küchenausstattern und Porzellanmanufakturen genährtes Missverständnis, dass sich wahres Genießertum in aufwendig inszenierten Festgelagen niederschlagen müsse. Ein Döschen Foie gras, am Resopaltisch verzehrt, tut es auch. Niemand wusste das besser als mein Großonkel Karl (Schwager besagter Großmutter), dem irgendwann nach 1945, als er schon sehr alt und sehr abgebrannt war, mildtätige Verwandte siebzig Mark schenkten, damit er sich vielleicht neue Schuhe kaufen könnte. Zur allgemeinen familiären Empörung erklärte er jedoch später, nach der Verwendung des Geldes gefragt, er habe vor seinem Tode noch einmal Kaviar essen wollen, mehr erwarte er vom Leben ohnehin nicht.

So viel zum Untergang der Bourgeoisie. Manches spricht sowieso dafür, dass die echte, luxuriös enthemmte Vorkriegsverfressenheit auch durch den neuen Ehrgeiz zur Bürgerlichkeit nicht zurückkehren wird. Den Leuten von heute fehlt die Entspanntheit; sie legen ihre Abendessen entschieden zu zeremoniös und ängstlich an. Auch hier müsste erst einmal von Großonkel Karl gelernt werden, der sich grundsätzlich nicht einschüchtern ließ und daher die Einladung zu einem Souper selbst dann annahm, wenn er keinen Smoking dabei hatte. Er lieh ihn sich kurzerhand von seinem deutlich dünneren Bruder, ließ Hosenbund und Weste auftrennen und mit einer Schnur kreuzweise wieder zubinden, wie bei einem Korsett. Seine einzige Sorge bestand darin, sich nun nicht mehr frei bewegen zu können. Daher war das Erste, was er bei der Begrüßung der Hausfrau tat: sich umzudrehen, die Rockschöße zu heben und die geflügelten Worte zu sprechen: "Gnädige Frau, sehen Sie mal!"

Das Gelächter, das dieses Outing auslöste, war sein Entrebillet in einen ungezwungenen Abend. Nach diesem Muster, ungefähr, müsste heute wieder der Umgang mit dem Essen und dem Bewirten von Gästen gelernt werden: als eine elegante Selbstverständlichkeit, die sich heiter improvisieren und der Situation anpassen lässt. Mit dem Adeln des Kochens zur Kunst geht das nicht; denn Kunst, wenn sie wirklich Kunst ist, ist immer das Gegenteil von Selbstverständlichkeit.

ZUM THEMA
Ich habe einen Traum: Ferran Adrià