Kinder des Flachlandes, auch unsere, werden still, wenn es in die Berge geht. Es ist Abend und schon lange stockdunkel. Die Kinder schweigen, als führen wir in eine riesige Kirche hinein. Oder in einen schwarzen Mammutbaumwald. Wir sind im Auto unterwegs von Salzburg ins Großarltal, der Schneehimmel öffnet sich über uns, das Gebirge schließt sich um uns, überall grauschwarze Mauer, Grenze, Naturfestung, und der Blick steigt dran hinauf wie an einem Wesen, das soeben erst lautlos in die Höhe gewachsen ist. "Geil", klingt es leis vom Rücksitz, und: "Es wird ja immer höher."

Bei Sankt Johann verlassen wir die große Straße und schrauben uns im Neuschnee noch weiter hinauf. Es geht durch die Liechtensteinklamm, wir sehen riesige Eiszapfen, kleine gefrorene Wasserfälle überall, rechts geht es senkrecht ins Tal hinunter, und zum klammen Staunen der Kinder kommt nun, als Belebung nach der langen Reise, Abenteuerlust: die Ahnung, dass es toll werden kann. Die Freude der Flachländer, die zum ersten Mal diese hysterisch fuchtelnde, aufbrausend gezackte Natur sehen. So viel Exzentrik und Verschwendung! Hier weiß das Land nichts vom norddeutschen Gleichmaß, hier ist Stimmungswechsel, extremer Kurvenausschlag.

"Und hier sollen wir Skifahren lernen?", fragt Julie und blickt in die vag ahnbare Gipfelgruppe. "Nun ja, nun ja", sagen wir, die Eltern, und das Auto rutscht in die nächste kurvige Steigung. Aber ja, dazu sind wir hier. Wir sind eine sechsköpfige Familie, Mutter, Vater, vier Kinder, Paul (9), Julie (7), Philipp (5) und Joni (1). Wir haben eine Woche Zeit, und vier von uns wollen Skifahren lernen. Alle bis auf Joni und bis auf Mama, die wird von Joni gebraucht, zum Festklammern.

In Großarl wartet ein Familienskilehrer auf uns, von unserer Unterkunft, dem gemütlichen Reitbauernhof der Familie Gruber, geht es in Laufentfernung zu den Hängen der so genannten Skischaukel Großarl-Dorfgastein mit 80 Kilometern Piste und 20 Liftanlagen. "Dazu", so steht’s im Prospekt, "kommen ausgedehnte Variantenabfahrten und Tiefschneereviere."

Wir sind Zuzugsnorddeutsche. Schnee kennen wir nur schmutzig

Ein Traum, gewiss. Jedoch haben wir als Familie vom Skifahren keine Ahnung. Im Grunde: vom Schnee auch nicht. Wir sind Wahlhamburger, Zuzugsnorddeutsche. Schnee kennen wir in seiner nasspappigen, seifigen, böigen, asphaltaufhellenden Variante, und wenn er mal liegen bleibt, so haben wir als größtes innerstädtisches Rodelareal den Hang zwischen Elbchaussee und Elbkai, mit Blick auf den Hafen, in dem donnernd die Container verladen werden. Dass es Wunderdinge wie unschmutzigen Schnee, stillen Flockenfall und automatische Beschneiungsanlagen gibt, wissen wir noch nicht.

Am nächsten Morgen treffen wir unseren Skilehrer. Wir spüren, wie wichtig dieser Mann fürs Gelingen unseres Unternehmens sein wird. Er muss Motivator sein, Tröster, Retter in der Not, und in unserem Fall muss er das in familiendynamischer Abstufung sein. Unser Skilehrer heißt Kurt und erfasst unsere Familie mit geduldigem, freundlichem Blick. Nach kaum zwei Stunden Anprobe sitzt die Skiausrüstung (immer neue Stiefel, Skistöcke, Skier; zu eng, zu schwer, zu lang), und wir poltern zum Bus, der uns an den Rand Großarls bringt, zum Übungshang.

Eineinhalb Tage lang bleiben wir auf diesem sorgfältig geglätteten, breiten, milden Übungshang mit seinem Schlepplift, der das Tempo eines Ochsenkarren hat und die Zugkraft eines bockigen Esels. Und Kurt lehrt uns, den Schnee zu beherrschen.

Ich stehe nach 30 Jahren erstmals wieder auf Skiern, habe es zuletzt im Schullandheim probiert, und in diesem Augenblick ist mir alles peinlich. Ich werfe einen Versteckte-Kamera-Rundblick waldwärts. Es kann furchtbar werden. Eine gestaffelte norddeutsche Clownsgruppe am Hang, eine Familienaufstellung im Wegrutschen.

Jedoch, ich rutsche, und es ist unerwartet schön. Der Körper erinnert sich; er hat sich was gemerkt. Wie man sich dem Hang überlässt, wie man sich in den Kontrollverlust ergibt, aus dem dann wieder Kontrollgewinn erwächst. Ich belaste ordnungsgemäß das linke Bein und erziele eine Rechtsdrehung, ich verliere die Kontrolle und fange mich, beuge mich vor und belaste das andere Bein, ich kann das Gerät schon ein bisschen lenken, ich bin es ja selbst, das Gerät. Ich höre den Wind und das Zischen des frischen Schnees, seit 30 Jahren habe ich das nicht mehr gehört.