Bei dem Abendessen ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen! Ich saß neben einem Kollegen. Dieser Kollege war in Berlin in der Oper gewesen und hatte Idomeneo gesehen, die Oper mit dem geköpften Mohammed. Er schimpfte auf die Schlussszene, die der Regisseur zu der offenbar schönen Oper einfach dazuerfunden hat, die zu der restlichen Handlung passt wie die Faust aufs Auge und für die es nicht einmal Musik gibt, stumme Oper oder wieder mal ein Fall von Regietheater. Wir stellten fest, dass wir beide dieses ganze moderne Theater, in dem dummdreiste Regisseure mit bis ins Detail durchdachten Stücken tun dürfen, was immer sie wollen, zutiefst verabscheuen. Regietheater ist so, als ob eine bis ins Detail durchdachte Kolumne von einem unintelligenten Redakteur redigiert werden dürfte. Niemals! Wir stellten fest, dass wir den Nouveau Roman, die experimentelle Literatur und das dekonstruktivistische Erzählen, überkandideltes, seelenloses Zeug, bei dem keiner durchblickt, langweilig und ausgelutscht finden, übrigens auch die moderne bildende Kunst, bei der ein Künstler nur einen einzigen Einfall braucht, zum Beispiel tote Tiere in Plastik einzugießen, und von diesem einen bescheidenen, meinetwegen halbwegs originellen Einfall, den man aber nach fünf Minuten kapiert, interpretiert und durchschaut hat, lebt er dann glücklich bis ans Ende seiner Tage, wir stellten weiterhin fest, dass die Architekturkritik von Prinz Charles, welcher die Baukunst der letzten Jahre komplett ablehnt, nicht ganz falsch ist, und plötzlich merkte ich, dass ich in ästhetischen Fragen ein Reaktionär bin, besser gesagt, im Laufe der letzten Jahre einer wurde, dass mir dieses Eingeständnis aber schwerfällt, denn der Satz "Ich bin ein Reaktionär" kommt unsereins schwer über die Lippen.

Das Grundproblem besteht meiner Ansicht nach darin, dass man das Prinzip "Fortschritt", welches das Prinzip unserer Gesellschaft ist und vielerorts seinen Sinn hat, einfach auf die Kunst übertragen hat. Die Wissenschaft erfindet segensreiche neue Medikamente, gut, die Wirtschaft entwickelt neue Rasierapparate, welche besser sind als die alten, auch gut, die Mode wirft neue, angeblich schönere Kleider auf den Markt, um sie zu verkaufen, soll sie. Aber die Kunst kann man eben nicht so weiterentwickeln wie einen Rasierapparat, da ist das Neue nicht automatisch das Bessere, und da gibt es auch ein paar ewige handwerkliche Wahrheiten, zum Beispiel, wie man eine Geschichte erzählen muss, damit andere ihr folgen können und sie interessant finden. Wenn ein neues Hustenmittel auf den Markt kommt, muss es die Leute vom Husten besser kurieren als die anderen, alten. Ein neuer Kunststil dagegen beruft sich oft lediglich auf die Tatsache, anders zu sein, und das ist genauso ein Schwachsinn, als ob man die Geranien mit der Blüte nach unten einpflanzt und dies zum Fortschritt im Gartenbau erklärt.

Ich bin Reaktionär, dachte ich, vor zwanzig Jahren war ich fortschrittlich, was ich aber in wieder zwanzig Jahren denke, wissen die Götter, und das ist das Dumme bei der Sache.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert "