Der bayerische Ministerpräsident, dessen Kopfschieflage beim Sprechen bereits als Abhörgeste gedeutet werden kann, soll die CSU-Politikerin Gabriele Pauli mit Hilfe seiner Vasallen bespitzelt haben. Sein Interesse galt ihren Trinksitten und Männergewohnheiten, und man hoffte, der Stoiber-Kritikerin wenn schon nicht Nymphomanie, dann doch wenigstens Alkoholismus mit leicht nymphomanischen Zügen nachweisen zu können. Der Landesfürst hat dafür wahrscheinlich keine Konsequenzen zu befürchten, weil es sich erstens um Bayern und zweitens um eine Frau handelt, die ja in traditionell religiösen Landstrichen ohnehin an allem selbst Schuld trägt. Interessanter Gedanke, wie eine ähnliche Bespitzelungsaktion in einer westlichen Demokratie wie Österreich abliefe: Zum einen würde sie vermutlich nie ans Tageslicht treten, zum anderen stellt sich die Frage, ob sie überhaupt sinnvoll wäre. Offene Bücher wie Strache oder Westenthaler, die jede Marginalie ihrer packenden Persönlichkeiten an alle, die es nicht hören wollen, weitergeben, machen eine Bespitzelung obsolet. Bei Van der Bellens Geschwindigkeit würde es zu lange dauern, bis etwas Brauchbares herausgespitzelt wäre, und Seitenblicke-Politiker wie Glawischnig oder Grasser haben leider keine Geheimnisse mehr in Reserve. Gusenbauers Intimitäten sind ebenso bekannt wie spannungsfrei, und das einzige Geheimnis der schwarzen Regierungsmannschaft ist ohnehin, wie sie sich so lange halten konnte. Da blickt man neidvoll nach Bayern und hofft, dass Frau Pauli wenigstens eine kleine, aber bislang geheime Pollenallergie verschwiegen hat.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben "

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