Bis vor wenigen Jahren konnte ich mich kaum an meine Träume erinnern. Das lag vermutlich daran, dass ich immer einen sehr tiefen Schlaf hatte. Am nächsten Morgen war nur noch eine vage Vorstellung davon übrig, etwas geträumt zu haben. Aber ich konnte meine Träume nicht festhalten. Heute, im fortgeschrittenen Alter, fällt mir das leichter. Ich kann mir das nur so erklären, dass ich nicht mehr so tief und so lange schlafe wie ein Kind. Ich kann mich inzwischen an meine Träume erinnern, sogar an solche, die länger zurückliegen. Und das gefällt mir.

Die wichtigsten und interessantesten Träume sind die wiederkehrenden Träume und die Albträume. Als Schüler träumte ich oft davon, das Abitur nicht bestanden zu haben. Dieser Albtraum wurde später von einem anderen abgelöst, in dem ich immer noch zur Armee ging. Meine Vorgesetzten hatten mir darin zwar erlaubt, die Kaserne zu verlassen, aber ich war einfach nicht zurückgekehrt. Jetzt drohten sie mir, mich festzunehmen. Dieser Traum hat mich sehr lange verfolgt.

Man muss dazu wissen, dass ich im wirklichen Leben erst sehr spät meinen Armeedienst absolviert habe. Ich hatte es geschafft, meine Einberufung hinauszuschieben, bis ich 26 war. Als Grund gab ich meine umfangreichen Studien an. Irgendwann stand ich dann zum ersten Mal vor der Kaserne, mit meiner Brille und meiner Schreibmaschine unter dem Arm – beides waren so etwas wie Schutzschilde. Die jüngeren Offiziere, von denen die meisten nicht zur Universität gegangen waren, hatten großen Respekt vor mir. Ich wurde schnell mit allerlei Schreibarbeiten beauftragt, konnte mir viele Freiheiten herausnehmen und kam mir wichtiger vor als ein General. Zuerst war ich in Como stationiert. Durch meine guten Verbindungen schaffte ich es, dass mein Name auf einer Liste derjenigen erschien, die ins Hauptquartier nach Mailand versetzt wurden. Was mir natürlich viel lieber war, weil ich dort noch mein Studentenappartement hatte. Meistens arbeitete ich bis 14 Uhr in der Kaserne, ging dann in die Stadt, übernachtete unerlaubterweise in meinem Zimmer und kam erst am nächsten Morgen zurück. Es waren Friedenszeiten, du konntest in der Armee praktisch machen, was du wolltest. Aber trotz des Wohlwollens, das ich genoss, waren diese Ausflüge mit einem gewissen Risiko verbunden. Jedenfalls hatte ich immer Angst, dass ich irgendwann auffliegen und es einen Rieseneklat geben würde. Was zum Glück nie passiert ist. Trotzdem hat mich diese Sorge bis in meinen Schlaf verfolgt.

Meine Träume übers Abitur und die Armee haben beide mit Angst zu tun – mit der Angst, etwas nicht abschließen zu können, Angst, erwischt zu werden.

Heute, im höheren Alter, plagen mich andere Angstträume. Wenn ich beispielsweise in Amerika unterwegs bin, träume ich, dass ich mein Flugzeug verpasse. Da sehe ich mich in meinem Hotelzimmer hektisch meinen Koffer packen: Abflug ist um sechs Uhr, es ist aber schon fünf Uhr, und ich bin noch immer nicht mit dem Packen fertig. Ich weiß: Ich werde mit Sicherheit zu spät kommen. Wenn ich durch Europa reise, variiert das ein bisschen: Da träume ich, dass ich den Zug verpasse. Ich hetze zum Bahnhof, kann aber das richtige Gleis nicht finden. Warum? Weil ich wieder mal zu spät dran bin. Und am Ende fährt der Zug ohne mich los.

Das alles ist insofern kurios, weil ich noch nie in meinem Leben einen Zug oder ein Flugzeug verpasst habe. Gut, das stimmt nicht ganz. Nur ein Mal, ein einziges Mal, habe ich in New Orleans mein Flugzeug verpasst. Aber das konnte mir nur deshalb passieren, weil ich aus Angst, zu spät zu kommen, ausnahmsweise viel zu früh am Flughafen angekommen war. Ich hatte mich dann in die Wartehalle gesetzt und war prompt wieder eingeschlafen. So hörte ich nicht, wie mein Flug aufgerufen wurde. Ich habe ihn verpasst, weil ich zu früh dort war.