Deutsche Ethnologen sind offenbar bedächtige Kinogänger. Erst drei Wochen nach dem Start von Apocalypto, dem Film von Mel Gibson über die vorkolumbianische Maya-Kultur, tun sie ihre Aufregung kund.

"Rassistisch" sei der US-Kinokassenschlager, entrüstet sich der prominente Altamerikanist Nikolai Grube, der mit seinen Fachkollegen und Studenten an der Universität Bonn in einer schriftlichen Stellungnahme gegen Apocalypto protestiert. Gibson karikiere die hoch kultivierten Maya als blutberauschte Ritualmörder und Menschenjäger, rechtfertige damit sogar ihre Unterwerfung durch die spanischen Eroberer.

Die Aufregung von Grube und Kollegen mag auf den ersten Blick übertrieben wirken. Hollywood fabriziert schließlich Bilder, keine Weltbilder. Millionen Menschen fürchten sich beim Baden im Meer vor dem Weißen Hai, denken bei Außerirdischen unwillkürlich an E. T., verbinden die sinkende Titanic zuerst mit den verschreckten Augen von Kate Winslet und können dann auf den zweiten Gedanken sehr wohl Fakt von Fiktion trennen. Warum sollten sie das bei diesem Film nicht schaffen, auch wenn die Gibsonschen Maya den Hoden eines Tapirs verspeisen oder den Kopf eines Menschenopfers die Treppe hinunterpoltern lassen?

Doch bei Apocalypto hört der Spaß auf, und zwar weil es um die Kultur eines ganzen Volkes geht, das seit der spanischen Eroberung unterdrückt, versklavt und abgeschlachtet wird. Die Conquistadores trafen im 16. Jahrhundert keineswegs auf eine Unzivilisation debiler Fanatiker, wie Gibson es suggeriert, sondern auf eine friedliche Gesellschaft von Bauern und dezimierten sie um 90 Prozent. Zuletzt metzelte die Militärregierung im guatemaltekischen Bürgerkrieg Hunderttausende Maya-Nachkommen nieder.

In Apocalypto aber stehen die Opfer als Täter da. " Eine große Kultur kann nur dann erobert werden, wenn sie sich zuvor von innen selbst zerstört hat" diesen Spruch des Historikers Will Durant stellt Gibson seinem Film voran. Zynisch, wie Grube findet: "Können Sie sich vorstellen, man hätte 1965 einen Unterhaltungsfilm in die Kinos gebracht, in dem Juden als naive Dorftrottel oder als barbarische Anhänger einer falschen Religion dargestellt werden?"

Solch berechtigte Kritik hätte Gibson sich ersparen können, wenn er erkennbar Distanz zum historischen Vorbild gehalten hätte. Stattdessen verpackt er seine fragwürdige Botschaft in Authentizität. Er hat sich wissenschaftlich beraten lassen, sein Werk in moderner Maya-Sprache mit Untertiteln vertont und erhebt damit den Anspruch, nicht nur einen guten, sondern auch einen wahrhaftigen Film gedreht zu haben. Das ist ihm gründlich misslungen.