Manchmal kommt es Fred Jänichen so vor, als nehme der Schrecken niemals ein Ende. Schon wieder ist das Haus, das er vor zehn Jahren auf einer Industriebrache entdeckt und mit enormem Aufwand saniert hat, eingerüstet. Das Dach ist leck, das Mauerwerk nass und wenn er an die 80000 Euro denkt, die er nun wieder in das historische Gebäude stecken muss, macht er sich Vorwürfe. " Ich hätte die Finger von dem Gemäuer lassen sollen", sagt der 79-Jährige, der sich von seiner anstrengenden Immobilie bisweilen so geschlagen fühlt wie Hiob von Gott. Und als wärs nicht genug, schlägt gelegentlich ja auch noch das Denkmalamt zu.

Jänichens Immobilie, früher ein Badhaus, heute ein Theatercafé, steht auf historisch brisantem Boden. Mit neoklassizistischer Noblesse empfängt das breite, zweigeschossige Gebäude den Besucher auf dem Gelände der ehemaligen Pulverfabrik in Rottweil, einer weitläufigen Industrieanlage im Neckartal, idyllisch zwischen Wald und Fluss gelegen. Schwer vorzustellen, aber während der beiden Weltkriege herrschte hier Hochkonjunktur. Rund um die Uhr schwitzten in den Werkstätten des Rüstungsbetriebs bis zu 3000 Arbeiter.

Von dieser hochexplosiven Vergangenheit erzählen noch heute mehr als hundert locker ins Tal gewürfelte Gebäude. Etwa ein Drittel davon steht unter Denkmalschutz, auch das 1916 errichtete Badhaus, in dem sich die Pulverarbeiter einst waschen konnten. Als Jänichen die vermaledeite Sanierung der Bruchbude und das war das Badhaus damals in Angriff nahm, wurde er selbst zum Sanierungsfall. Nierenkolik! Ab ins Krankenhaus!

Heute spielt Jänichens Badhaus eine tragende Rolle im historischen Ensemble, das auf dem Gelände der Pulverfabrik con fuoco auftritt. Am auffälligsten lassen sich jene Gebäude vernehmen, die zu den einmaligen Zeugnissen der Industriearchitektur um 1900 gehören, darunter auch das Laboratorium von Heinrich Henes und das Kraftwerk von Paul Bonatz. Denn Geld hatte der damalige Fabrikbesitzer, Max Duttenhofer junior, mehr als genug, um selbst für reine Zweckbauten die berühmtesten Architekten aus Stuttgart zu verpflichten. Er stand ja auf den breiten Schultern seines Papas, der 1872 die Pulverfabrik gegründet und bald zum Rüstungsimperium hochgeschossen hatte. Der Senior war ein süddeutscher Krupp, der auch die geniale Erfindung seines Zeitgenossen Daimler sponsern konnte. Ohne die Duttenhofers aus Rottweil gäbe es heute wohl keinen Autokonzern mit Stern.

So beredt können die Steine der Pulverfabrik sein. Fast vergessene Geschichten aus Architektur und Wirtschaft machen sie anschaulich, weshalb man jenen Künstlern und Handwerkern dankbar sein muss, die Mitte der neunziger Jahre den Niedergang der Bauten verhinderten. Als sich der letzte Nutzer, die Kunstfaserfirma Rhodia, aus dem Kerngebiet zurückzog, drohte das ohnehin schon von Wind und Wetter zernagte Ensemble vollends zu veröden. Und nur mit Grausen erinnern sich die Aktivisten von damals an einen Vorschlag, der in der Stadt kursierte: Weg mit dem alten Gerümpel, alles abreißen, das Gelände der Natur übergeben. " Die Leute", so der Schreinermeister Hermann Klos, "hatten keinen Sinn für den Wert der Pulverfabrik. Beinahe wäre hier alles plattgemacht worden." Aber eben nur beinahe, denn Klos selbst war es, der mit Enthusiasmus die Industriebrache wiederbelebte.

Er zog mit seiner Holzmanufaktur in eine Halle der Pulverfabrik und setzte sie instand. Fortan wuchs seine Firma so munter, dass aus ehemals 5 Mitarbeitern 45 geworden sind. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, voilà, Klos hat ihn geliefert: Auch zwischen alten Mauern kann man erfolgreich wirtschaften, weshalb der Pionier in Sachen Umnutzung viele Nachahmer findet. 55 Handwerksbetriebe, Künstlerateliers, Werbeagenturen beleben heute das zum Gewerbepark Neckartal umgemodelte Gelände, von der Schlosserei bis zur Bildhauerei, von der Gokartbahn bis zum Fitness-Center. Im großartigen Kohlekraftwerk von Paul Bonatz werden heute Partys und Popkonzerte ausgerichtet.

Selbst klamme Existenzgründer können sich hier günstig einnisten Der Mann, der die Umwandlung der Industriebrache in ein Gewerbegebiet gezielt voranbringt, heißt Arnd Zachries. Als Bevollmächtigter der Rhodia wickelt er seit nunmehr zehn Jahren die Immobilie ab und belebt das kulturelle Kapital, das selbst in musealen Aborthäuschen ruht. " Der Denkmalschutz behindert die Vermarktung keineswegs", sagt er, "im Gegenteil, er erleichtert die Vermarktung." Viele Betriebe ließen sich gerade von dem morbiden Charme der Pulverfabrik anziehen, von ihrer reizvollen Lage und ihrer aufregenden Geschichte und inzwischen wohl auch, betont der 72-jährige Zachries, von der bunten und anregenden Nachbarschaft.